Freude mitten im Schweren – Sterbebegleitung, Rend Collective und kostbare Momente

Es gibt ein altes Lied: In dir ist Freude in allem Leide…. das passte diese Woche ziemlich gut zu dem, was so alles war. Und tatsächlich gehen mir diese Woche ziemlich viele Lieder durch den Kopf, alte und neue und ich erlebe Freude mitten im Schweren. Jemanden, den man liebt, im Sterben zu begleiten, ist schon etwas Besonderes: ein besonderes Vorrecht, auch wenn es schwer ist und daraus erwachsen manch kostbare Momente. Und was das Ganze mit rend collective zu tun hat, erfährst du, wenn du weiter liest.

Diesen Samstaggsplausch verlinke ich, wie es gute Tradition ist, mit karminrot und ihrem karminroten Lesezimmer.

Der Anruf, den niemand bekommen möchte

Diese Woche war eine der intensivsten seit Langem.

Alles begann letzten Samstag Nachmittag mit einem Anruf. Mitten hinein in mein Bibelschulwochenende meldete sich meine Tochter. Die hatte den Anruf vom Altenheim entgegengenommen und musste mir nun mitteilen, dass meine Mama, also ihre Oma, vermutlich im Sterben liegt.

Ich kann gar nicht genau sagen, was ich in diesem Moment fühlte. Natürlich Traurigkeit, aber auch das Gefühl von Verantwortung. Jetzt richtig handeln zu müssen, schnell und klug abzuwägen, was richtig, was gut ist, wen man informieren sollte und wie am besten. Meine Tochter und ich haben dann gemeinsam Onkeln und Tanten Bescheid gegeben und ich habe überlegt, wie ich meine Mama am besten besuchen könne. Denn 500 km Fahrt und die Frage der Unterkunft mussten dafür noch organisiert werden.

Das schöne war: Dadurch, dass wir den Tanten und Onkeln so zeitnah Bescheid gegeben haben, konnte Mamas Schwester mit ihrem Mann sie noch besuchen, denn die beiden wohnen auch etwas weiter weg und hätten sonst vielleicht keine Möglichkeit mehr gehabt, sich zu verabschieden und sie nochmal zu sehen.

Die genaue Entscheidung, ob und wie und wann ich mit meinem Mann fahre, fiel nicht am Samstagabend, sondern mit ausgeruhtem Kopf am Sonntag morgen: Wir haben beschlossen, erst noch den Gottesdienst bei uns in der fcg zu besuchen, ehe wir gegen Mittag dann nach Melsungen aufgebrochen sind. Koffer und Taschen waren vor dem Gottesdienst gepackt, Proviant parat und die Unterkunft in Beiseförth gebucht. Direkt nach dem Gottesdienst sind wir dann auf die Autobahn und gen Norden gedüst.

Seitdem bestimmten lange Fahrten, Besuche am Krankenbett, Gespräche mit Familie, organisatorische Fragen und viele Gefühle die Tage. Trauer, Sorge, Hoffnung und Dankbarkeit lagen oft erstaunlich nah beieinander.

Stunden am Bett meiner Mama

Als wir am Sonntag ankamen, war unser erster Weg natürlich zu Mama ins Altenheim. Ihr Anblick im Bett hat mich schon ein wenig erschreckt. So kannte ich sie nicht und die letzten Besuche, da sah sie noch anders aus. Aber wir haben uns nicht abschrecken lassen, haben uns an ihr Bett gesetzt und uns Zeit genommen. Selbst wenn sie viel schlief und wir nicht immer reden konnten, war da innige Gemeinschaft.

Wir haben nicht nur Sonntag Abend sondern auch die nächsten Tage viele Stunden an ihrem Bett verbracht. Wir beteten, sangen alte Kirchenlieder und lasen gemeinsam in der Bibel. Gleichzeitig begann ich auf all die kleinen Veränderungen zu achten, die ein Mensch auf seinem letzten Weg durchlebt. Es ist eine besondere Zeit zwischen Hoffen, Loslassen und einfach Da-Sein gewesen.

Und es ist schwer zu sagen, wie lange ihr Weg auf dieser Erde noch gehen wird. Da konnte auch das erfahrene Personal des Altenheims keine konkrete Schätzung abgeben. Es kann noch Stunden, Tage oder sogar Wochen gehen. Zur Zeit glaube ich nicht, dass sie sich wieder ganz erholen wird, aber möglicherweise geht diese Phase länger, als ich mir zuvor vorstellen konnte.

Ein Geschenk, mit dem niemand gerechnet hatte

Besonders bewegt hat mich ein Moment, mit dem niemand mehr gerechnet hatte. Meine Mama wollte noch einmal nach draußen. Ein Wunsch, den ich, wenn ich ehrlich bin, ein bisschen für verrückt hielt. Denn in den letzten Tagen hatte sie Schmerzen gehabt, selbst wenn man sie nur ein bisschen im Bett zurechtrückte. Schwer vorstellbar, wie sie noch einmal in den Rollstuhl kommen sollte….

Doch mein Mann machte es möglich. Mit Hilfe der Pfleger und meines Mannes saß sie wenig später angezogen, mit Schuhen und Perücke in ihrem Rollstuhl und zwar, wie es schien, ohne die befürchteten Schmerzen. Mein Mann hat sie dann geschoben und daraus tatsächlich einen kleinen Ausflug im Rollstuhl gemacht.

Sie saßen gemeinsam in der Sonne, hörten Musik von einem Konzert im Speisesaal, beobachteten einen Vogel und genossen zusammen die frische Luft. Ich war so fertig, dass ich sie nicht begleitet habe, was ich zum einen, ein bisschen bedauere, zum anderen, war es vielleicht auch gerade gut so.

Später zeigte mir mein Mann ein Foto von ihr. Sie wirkte schmal und zerbrechlich – und gleichzeitig so glücklich. Dieser Augenblick war ein kostbares Geschenk. Und mein Mann wurde für mich in dieser Woche ein wenig zum „mpH“ – meinem persönlichen Helden.

Auch meine Verwandtschaft wusste diesen besonderen Moment zu schätzen. Alle waren begeistert, dass das noch einmal möglich war, und bewunderten den Mut und die Entschlossenheit meines Mannes, diesen besonderen Augenblick für meine Mama möglich zu machen.

Bremen, Schnoor und Rend Collective

Zwischen all dem gab es aber auch andere Momente. Für zwei Tage waren mein Mann und ich in Bremen, schlenderten über den Marktplatz und durch das Schnoorviertel, haben insgesamt trotz Müdigkeit und kaputtem Knie mehr als zehntausend Schritte getan und am Mittwochabend das Konzert von Rend Collective besucht, für das wir seit Monaten Karten hatten.

Das Konzert war großartig. Ich habe aus voller Kehle mitgesungen und die Atmosphäre genossen. Besonders berührt hat mich dabei die Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch die Woche zog: Freude bedeutet nicht, dass alles leicht ist. Freude kann mitten in schweren Zeiten existieren. Und das wurde auch in Songtexten und den Worten von Sänger Chris Llewellyn deutlich.

Viele Lieder kannte ich schon, so zum Beispiel diese drei, die ich besonders mag:

My Lighthouse
Rescuer
Boldly I approach

aber ein ganz Neues hat mich besonders berührt:

Evergreen

Freude ist stärker als Angst

Diese Erkenntnis floss auch in meine Schreibschnuppe ein. Statt einer erfundenen Geschichte schrieb ich diesmal über etwas sehr Persönliches: nämlich darüber, wie Freude Angst vertreiben kann.

Beim letzten Bibelschulwochenende lautete das Thema Freude. Und mitten hinein kam ja der Anruf wegen Mama und doch konnte ich ein paar Erkenntnisse mitnehmen. Ich habe meine Ängste vor Gott und einem Menschen bekannt und sie sozusagen „abgegeben“ und dafür den Satz aus Nehemia mitgenommen. „Die Freude des Herrn ist mein Schutz.“
Und tatsächlich hatte ich dann einige Erlebnisse diese Woche, die dies bestätigt haben.

Hier der Schreibschnuppentext, den ich verfasst habe. 100 Worte zum Thema: Tausche Angst gegen Freude.

Ich bin ein Angsthase. Ich habe Angst vor kurvenreichen Strecken, Angst vor Höhen, Angst vor dem Sterben.
Als wir diesmal zur Ferienunterkunft fuhren, gab es eine Menge Kurven und sehr enge Stellen. Nur ein Auto passte durch, aber meine Angst war weg. Weggefreut.
Gestern an der Rolltreppe, einer besonders steilen: ein kurzes Zögern. Angst wollte kommen. Aber ich hab mich erinnert. Freude ist stärker als Angst. Ich hab mich gefreut. Und Angst ging.
Genau wie am Sterbebett meiner Mama. Angst weicht, die Freude des Herrn kommt. Denn:
Die Freude des Herrn ist mein Schutz.
Das habe ich diese Woche erlebt.


Ein Kommentar einer Leserin hat mich besonders berührt. Sie schrieb, sie könne den Impuls diese Woche gar nicht aufgreifen, weil der Text selbst sie so beschäftigt habe, dass sie ihn mehrfach lesen wolle. Das war einer dieser Momente, in denen ich selber nochmal neu berührt werde, weil meine Texte andere Menschen erreichen und ihnen etwas bedeuten. Das war auch ein ganz besonderer Moment.

Newsletter, Crowdfunding und kleine Ermutigungen

Neben all den „Wichtigen Dingen“ gab es auch noch alltägliches: Rund um Blog, Newsletter und Crowdfunding war einiges los. Ich schrieb Newsletter aus Hotelzimmern, verschickte versehentlich einen ohne den wichtigen Videolink und musste am nächsten Morgen noch eine Nachtragsmail hinterherschicken. Gleichzeitig freute ich mich über gute Öffnungs- und Klickraten und versuchte, nicht nur auf das zu schauen, was noch fehlt, sondern auch auf das, was bereits wächst. Besonders gefreut hat mich dabei, dass die Klickrate deutlich höher ausfiel als sonst. Manchmal sind es nur wenige Menschen, die reagieren – aber genau diese machen Mut.

Wenn Google und STRATO auch noch mitreden wollen

Natürlich durfte auch die Technik nicht fehlen. Google meldete eine rätselhafte „Soft 404“-Meldung, mit der ich nichts anfangen konnte. Um herauszufinden, was das überhaupt ist, hab ich erstmal KI befragt. Und dann streikte auch noch meine STRATO-Webmail plötzlich, Passwörter wollten nicht auftauchen und zwischendurch fühlte es sich an, als würde das Internet persönlich gegen mich arbeiten. Am Ende stellte sich vieles als halb so schlimm heraus. Aber das ist der Kleinkram, den man in solchen Momenten eigentlich wirklich nicht gebrauchen kann.

Kurze Nächte und Vogelstimmen am Morgen

Die Nächte waren dagegen oft kurz. Mehr als einmal lag ich wach, hörte den Vögeln zu und versuchte, die vielen Eindrücke dieser Woche zu sortieren. Vielleicht war das kein Wunder. Diese Tage waren voll von Abschied, Hoffnung, Musik, Gesprächen, Begegnungen und Gedanken.

Was sagt man, wenn man gefragt wird, ob es lebensverlängernde Maßnahmen geben soll….? Was, wenn es um die eigene Mutter geht…? Ich war so dankbar, dass ich ihren Willen in diesem Punkt gut kannte. Wir hatten gemeinsam eine Vorsorgevollmacht ausgefüllt schon vor Jahren und sie hat ihren Standpunkt ganz klar gemacht, so dass ich jetzt sicher sein konnte, in ihrem Sinne zu handeln. Und doch…. natürlich treibt mich so etwas um… wenn man sagt: keinen Krankenhausaufenthalt mehr, keine Infusionen,… kein Essen oder Trinken erzwingen…. Sterben in Würde ermöglichen ist gar nicht so einfach…

Zurück nach Hause

Am Ende führte uns die Heimfahrt wieder nach Hause. Nach Tagen voller Altenheimsbesuche, schwerer Entscheidungen, Konzert, Familie und Emotionen warteten plötzlich wieder ganz alltägliche Dinge auf mich: eine versprochene Google-Bewertung, E-Mails, Anfragen und Verabredungen. Erst fühlte sich das wie ein riesiger Berg an. Dann stellte sich heraus, dass vieles in wenigen Minuten erledigt war. Manchmal ist nicht die Menge der Aufgaben das Problem, sondern die Erschöpfung.

Und nun?

Und so sitze ich nun hier, zurück zu Hause, und schreibe diesen Samstagsplausch. Mit einem vollen Herzen. Dankbar für kostbare Momente. Dankbar für Menschen, die mittragen. Dankbar für Freude mitten im Schweren.

Ich hätte mir diese Woche nicht ausgesucht. Aber ich werde viele ihrer Augenblicke nicht vergessen.

Und wie die nächste Woche sein wird, weiß ich weniger denn je. Ich hab einige Termine, ich hab Pläne, aber niemand außer Gott weiß, was mir dazwischenkommen wird. So bewusst, wie gerade jetzt, war mir das wohl noch nie.

Meine Mama lebt noch, ich wäre gerne bei ihr und doch geht mein Leben hier weiter. Ob ich sie noch einmal lebend sehe, liegt in Gottes Hand. Und ich darf in seinem Frieden und seiner Freude ruhen. Mitten in all dem Schweren. Ich muss nicht alles in der Hand halten, nicht alles selber tragen. Ich bin nicht allein in all dem und dafür bin ich unendlich dankbar.

Und dir wünsche ich auch eine Woche, in der du spürst, wie du getragen wirst, wie Angst weichen darf und Freude mitten in Trubel, Alltag und Schmerz dennoch kommen kann.

Wenn du demnächst auch Newsletter aus Hotelzimmern oder aus Eloan erhalten willst, melde dich doch gerne hier an: Post aus Eloan.

Mehr Infos zum Crowdfunding und der Buchvorbestellung für Band 2 folgt demnächst. Bis dahin bleib mir gewogen und ich freue mich immer über Kommentare.

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