Panik, Crashes & eine Entscheidung
Warum ich mein Manuskript parke
In diesem Samstagplausch erzähle ich euch von Panik, Crashes und einer Entscheidung, die hart war, mir aber sehr geholfen hat: dem Parken meines Manuskripts.
Wie immer verlinke ich den Samstagsplausch mit dem Karminrot-Blog und dem Karminroten Lesezimmer.
An einer Grenze
Diese Woche hat mich an eine Grenze geführt.
Nicht plötzlich, sondern schrittweise. Seit Wochen gab es körperliche Symptome, zunehmende Erschöpfung, ein dauerhaftes Stressgefühl – selbst an Tagen, an denen ich wenig getan habe. Dazu kamen immer häufiger Panikanfälle.
Diese Woche kulminierte das in fast täglichen kleineren oder größeren Crashes und immer wieder dem klaren Gefühl:
So wie gerade geht es nicht weiter.
Hinzu kam die Erkenntnis, dass das tatsächlich eine Nebenwirkung eines Medikaments sein könnte, das ich ein gutes Vierteljahr genommen und vor Kurzem abgesetzt habe. Auch meine Ärztin stimmte mir in diesem Punkt zu. Gleichzeitig ist klar: Nicht jeder reagiert so. Bei mir kommen mehrere Faktoren zusammen – das Medikament, aber auch eine grundsätzliche Veranlagung, psychisch sensibel zu reagieren, und eine frühere Angststörung, die ich in den letzten Jahren gut im Griff hatte und die nun wieder aufgeflammt ist.
Medizinische Hilfe – und eine offene Frage
Wie gehe ich mit so etwas um?
Zuallererst: Ich habe mir medizinische Hilfe geholt.
Meine eigene Wahrnehmung reicht weder aus, um das korrekt einzuordnen, noch um allein eine wirksame Gegenstrategie zu entwickeln. Der Kontakt zu meiner Ärztin war richtig. Und wichtig.
Allerdings lag ihr Fokus verständlicherweise darauf, wie man der Panik die Spitze nimmt, wenn das System kippt.
Und ich stand vor einer Frage, die mich sehr bewegt hat:
Was mache ich, wenn mir eine Lösung angeboten wird, die Symptome dämpft – ich aber spüre, dass mein Körper eigentlich etwas anderes braucht?
Dämpfen – ja. Aber nicht nur.
Ich habe gemerkt:
Für mich kann die Antwort im Moment nicht allein ein „Dämpfen“ sein.
Nicht, weil Medikamente grundsätzlich falsch wären – das sind sie nicht.
Dämpfen ist gut und wichtig, wenn sonst nichts hilft. Wenn mein Nervensystem völlig hohl dreht, ich es allein nicht mehr schaffe runterzukommen. Wenn die Panik wirklich bedrohlich wird. Und vor allem dann, wenn alle präventiven Maßnahmen scheitern, die verhindern sollen, dass es überhaupt so weit kommt.
Genau deshalb habe ich mir das Medikament verschreiben lassen. Ich habe es mir besorgt. Und wenn eine Welle anrauscht, die ich nicht selbst bändigen kann, werde ich es nehmen. Es ist immer noch besser zu dämpfen und meine Nerven zu schonen, als unkontrolliert von einer solchen Welle mitgerissen zu werden.
Was überreizt mich gerade?
Abseits davon, dass es sich um eine mögliche Medikamentennebenwirkung handelt, habe ich mich gefragt:
Was führt gerade dazu, dass ich derart überreizt bin?
Was treibt mein Nervensystem hoch?
Was verstärkt meine Angst?
Und ich kam zu einem klaren Schluss:
Mein Körper braucht eine Veränderung der Umstände.
Weniger Druck.
Weniger inneres Antreiben.
Mehr Schutz.
Also habe ich weiter gefragt:
Wo mache ich mir diesen Druck gerade selbst?
Was triggert meinen Ehrgeiz, trifft mein Selbstwertgefühl, verunsichert mich zutiefst?
Die Antwort war eine, die ich eigentlich nicht hören wollte.
Das Manuskript
Mein Manuskript.
Ich arbeite auf Hochtouren.
Ein Tag, an dem ich nicht in die Lektorenkommentare geschaut habe, fühlte sich nicht wie ein guter Tag an.
Und Lektorenkommentare bearbeiten bedeutet: hunderte kleine Rückmeldungen zu meinem Werk. Ein Werk, das mir viel bedeutet. Sehr schnell rutscht die Kritik von
„Dieser Satz ist schief“
zu
„Du bist schief gewickelt“.
Aus einem „Da ist ein Logikfehler“ wird innerlich ein
„Du hast nicht präzise genug gearbeitet.“
Dazu kommt: Jeder Kommentar fordert Entscheidungen. Entscheidungen, die unter Umständen das ganze Buch betreffen – die Aussagen, die Intention, den logischen Faden. Ich muss entscheiden, was richtig ist und was nicht. Das ist eine hohe Verantwortung. Und ich will dieses Projekt auf keinen Fall verraten.
Ja, ich arbeite gerne an meinem Manuskript.
Ja, es ist mir wichtig.
Aber ich habe gemerkt: Meine momentane Verfassung und diese Art von Schreibarbeit sind gerade nicht kompatibel.
Eine schmerzhafte Entscheidung
Und dann habe ich eine Entscheidung getroffen, die mir nicht leicht gefallen ist:
Ich parke mein Manuskript.
Nicht, weil ich aufgebe.
Nicht, weil Schreiben mir grundsätzlich schadet.
Sondern weil ich gemerkt habe, dass der Rahmen im Moment nicht stimmt.
Ich möchte sowohl meinem Text als auch mir gerecht werden. Ich kann nicht einfach „halbherzig“ daran arbeiten – das könnte ich weder mir selbst noch meinen Leserinnen und Lesern gegenüber vertreten.
Gleichzeitig möchte ich meine Gesundheit nicht riskieren. Meine Nerven nicht weiter strapazieren. Nicht jeden Tag einen neuen Crash riskieren.
Ich möchte leben.
Und irgendwann wieder an diesem Manuskript arbeiten können, ohne sofort das P wie Panik in den Augen zu haben.
Ich möchte die Crashes nicht nur verwalten.
Ich möchte sie – wenn möglich – verhindern.
Das ist keine Heldentat.
Es ist Fürsorge.
Und ich habe die Entlastung sofort nach meinem Entschluss körperlich gespürt: Die Anspannung wurde merklich geringer, ich konnte wieder ruhiger atmen und der Bauch war nicht mehr so verkrampft.
Kein Entweder-oder
Diese Entscheidung geht tief.
Sie tut weh.
Und sie ist kein Entweder-oder.
Das Manuskript ist nicht für immer verbannt. Ich habe mir eine realistische Zeit gesetzt und konkrete Bedingungen definiert. Diese Entscheidung verschiebt meine Pläne – für wie lange, kann ich noch nicht sagen. Aber ich hoffe, dass ich damit verhindere, dass es endgültig kippt und ich gar nicht mehr arbeitsfähig bin.
Übrigens heißt das nicht, dass ich gar nicht schreibe.
Ich schreibe Blogposts wie diesen. Ich arbeite an Band 3 und an anderen Projekten, die bereits vorbereitet sind. Alles, was freies, sanftes Schreiben ist, was spielerisch bleibt und keine existenziellen Entscheidungen verlangt, geht gut.
Ich habe mir fest vorgenommen, jeden Tag zu schreiben – zwischen 15 Minuten und einer Stunde. Und ich bin gespannt, wohin mich das führen wird.
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Wo dämpfe ich Symptome, obwohl eigentlich eine Veränderung dran wäre?
Und wo darf ich mir erlauben, etwas zu parken, um gesund zu bleiben?
Parken heißt nicht endgültig verbannen.
Was ich hier teile, ist übrigens mein ganz persönliches Erleben.
Kein Ratschlag.
Kein Rezept für andere.
Höchstens ein Anstoß, darüber nachzudenken, was wir neben Medikamenten noch brauchen, um uns in unserer Haut wohlzufühlen. Denn manchmal hilft es mehr, belastende Lebensumstände zu verändern, als sie nur zu überdecken.
Und noch kurz zum Alltag
Eigentlich wollte ich euch diese Woche noch von der Lesung und vom Rangergottesdienst erzählen. Aber ehrlich: Der Rest der Woche hat das fast übertönt.
Nur so viel:
Die Lesung war genial gut. Ich habe Bücher verkauft, Menschen haben mich unterstützt – und vor allem: Ich habe mein Publikum gut unterhalten. Mehr dazu bald im Monatsrückblick Januar.
Der Rangergottesdienst war ebenfalls einfach großartig. Mehr dazu dann im Februarrückblick.
Für heute ende ich hier, damit ich nicht wieder anfange, zu sehr am Rad zu drehen.
Seid gesegnet, passt gut auf euch auf
und habt eine gute Woche.






