Ausgegossensein und neue Rahmen – Nervensystem regulieren
Dieser Samstagsplausch (wie immer verlinkt mit Karminrot und dem Karminroten Lesezimmer) kommt spät. Später als sonst.
Für meine Verhältnisse sehr spät.
Und ehrlich gesagt: Dass ich ihn überhaupt schreibe, fühlt sich nach dieser Woche wie ein kleines Wunder an.
In den letzten beiden Wochen habe ich euch an meine Grenze mitgenommen.
Erst die Panik, die Crashes, die Entscheidung, mein Manuskript zu parken.
Dann die Erkenntnis, dass Entlastung nicht sofort trägt. Dass ein Nervensystem, das lange unter Strom stand, nicht nach einer guten Entscheidung einfach wieder funktioniert.
Ich dachte, das Schwerste läge hinter mir.
Es lag noch eine Runde dazwischen.
Wenn du meine letzten beiden Samstagsplausche noch nicht kennst, hier kannst du nachlesen:
Panik, Crashes & eine Entscheidung
Wenn Entlastung nicht sofort trägt
Ein Wochenende zwischen Ohnmacht und Lärm
Das letzte Wochenende war nicht spektakulär – aber unterschwellig belastend.
Wir brauchen demnächst ein neues Auto – und gebrauchte Autos für wenig Geld sind selten einfache Entscheidungen.
Dann schien sich eine Möglichkeit zu ergeben. Ein Freund will seinen Toyota Auris verkaufen.
Doch die Kommunikation blieb vage. Offene Fragen. Halb beantwortete Nachrichten. Keine klaren Zeitangaben. Meine Nerven flatterten. Für mein Nervensystem ist Ungewissheit kein kleines Detail, sondern ein Ohnmachtstrigger.
Dazu kam der Lärm der Fasnacht. Ich wohne mitten in Lörrach. Wenn Guggemusik durch die Straßen zieht, zieht sie auch durch Wände. In stabilen Zeiten ist das lebendig. In empfindlichen Zeiten geht es an die Nieren.
Äußerlich nichts Dramatisches.
Innerlich ein stetiger Anstieg.
Die Nacht von Samstag auf Sonntag war schwer. Tränen. Leere. Das Gefühl, unwürdig zu sein. Nicht lebensgefährlich – aber existenziell schwer.
Ich wollte nicht nur durchkommen. Ich wollte leben.
Der Versuch, Ruhe herzustellen
Am Montag war ich bei meiner Psychiaterin.
Quetiapin 25 mg, vorsichtig dosiert. Schema 1–1–1–2.
Um 11:30 Uhr nahm ich die erste Tablette.
Am Nachmittag schlief ich im Sitzen ein. Unfreiwillig. Weggerafft.
Abends nahm ich nur eine Tablette zur Nacht. Neun Stunden Schlaf.
Dienstagmorgen: Hangover. Schwindel in Wellen. Schlieren vor den Augen. Alles wirkte wie hinter Glas. Die Ärztin riet, nur noch zwei Tabletten zur Nacht zu nehmen und die Tagesdosis auszulassen.
Die Sorge nach zwei Tabletten auf einmal: Schieße ich mich damit vollends ins Nirvana?
Ich habe mich durchgerungen dennoch 2 auf einmal zu nehmen, wie besprochen. Der Schlaf kam überwältigend.
Mittwoch wachte ich nach sieben bis acht Stunden auf – noch stärker benommen. Heftiger Schwindel. Sehbeeinträchtigung. So müde, dass ich bis Mittag immer wieder wegsackte.
Nach erneutem Telefonat: absetzen.
Und dann, am Mittwochmittag, saß ich am Esstisch – und fror ein.
So etwas habe ich noch nie erlebt.
Ich konnte denken. Ich wusste, was ich sagen wollte.
Aber mein Körper bewegte sich nicht.
Etwa eine Stunde lang. Nach dreißig, vierzig Minuten taute es langsam auf. Währenddessen konnte ich nur die Hand bewegen, mit der ich auf dem Handy getippt hatte.
Zum Glück endete der Zustand. Und ich konnte mich wieder rühren.
Kein Drama.
Aber ein deutliches Signal.
Ich wollte Ruhe im Nervensystem.
Nicht Kaltstellung.
Ausgegossen wie Wasser
Donnerstag wurde es leiser.
Rücksprache mit der Ärztin: keine Medikamente. Die Tagesklinik bleibt als Option. Beobachten.
Und dann kam dieser Satz.
„Ich bin ausgeschüttet wie Wasser.“
Psalm 22,15.
Ich habe ihn abends im Bett gebetet. Weinend.
Nicht stark. Nicht gesammelt.
Sondern ehrlich.
Ich bin ausgegossen wie Wasser vor dir, Herr.
Nicht in Form.
Nicht stabil.
Aber vor dir.
Vielleicht war das der Wendepunkt dieser Woche.
Freitag: Selbstfürsorge – und Widerstand
Der Freitag begann erstaunlich ruhig.
Und ich habe etwas getan, was von außen unscheinbar wirkt – für mich aber bedeutsam war.
Ich bin allein Schlafanzüge kaufen gegangen.
Weiche, gemütliche, neue.
Und danach habe ich allein ein Eis gegessen.
Kleine Dinge.
Aber bewusst gewählt.
Selbstfürsorge statt Durchhalten.
Und doch kämpfte ich innerlich.
Damit, dass alles gerade leiser werden muss.
Langsamer.
Weniger aufregend.
Weniger „Flow“.
Ein Teil von mir will galoppieren. Schreiben. Leben. Planen.
Ein anderer Teil weiß: Nicht jetzt.
Am Abend kam heftiges Ohrweh dazu.
Auf einer Skala von 0-10 hätte ich es mit 7 oder 8 bewertet. Pulsierend. Stechend.
Ich lag wach bis Mitternacht, dann rang ich mich durch, Paracetamol zu nehmen.
Ich blieb weiter wach bis 1 Uhr nachts, bis das Schmerzmittel endlich wirkte.
Wieder so ein Moment, in dem der Körper die Welt verengt.
Und doch: Ich bin geblieben.
Ich habe reguliert.
Ich habe ausgehalten.
Und dann war da noch die Libelle
Und dann war da noch der Freitagmorgen.
Nach all dem – geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Ich schrieb.
Nicht am Manuskript.
Nicht an etwas Großem.
Sondern einen kleinen Text zu einem Bild meines Mannes.
(siehe Beitragsbild)
Eine Libelle auf einem vertrockneten Blatt.
Braun, herbstlich, beinahe verweht – und doch tragfähig.
Ich hatte nicht geplant zu schreiben.
Ich hatte keine Energie.
Und doch floss es.
Ein Blatt, vertrocknet, beinahe verweht –
und doch: es trägt.
Flügel wie Glas – verletzlich und zart –
und doch: sie tragen.
Während ich schrieb, merkte ich:
Das bin ich gerade.
Nicht kraftvoll.
Nicht im Sommermodus.
Eher herbstlich.
Aber nicht nutzlos.
Nicht verworfen.
Das Bild meines Mannes bekommt nun einen Rahmen.
Genau wie mein Text.
Dafür war ich heute – am Samstag – im Bauhaus.
Und vielleicht ist es kein Zufall,
dass ich in einer Woche, in der ich mich selbst wie ausgeschüttet fühlte,
ausgerechnet ein Bild und einen Text rahme,
die von verletzlicher Tragfähigkeit erzählen.
Heute: Rahmen
Rahmen kaufen. Unterwegs sein. Allein.
Das geplante Modell gab es nicht in beiden Größen. Also habe ich flexibel entschieden. Zwei neue Rahmen. Eine Orchidee mit Topf statt die perfekte ohne. Pragmatismus statt Perfektion.
Danach allein in den Lidl. Mehr eingekauft als geplant – aber bewusst. Melone. Bio-Suppenrind. Butter im Angebot. Macarons.
Auf dem Rückweg gab es einen Moment im Straßenverkehr, in dem ich abrupt bremsen musste. Die Rahmen rumpelten. DIe Orchidee kippte. Alles blieb heil. Auch ich.
Und nun sitze ich hier. Wach. Etwas müde. Aber stabil.
Und ich kann nicht anders, als die Symbolik zu sehen:
Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Woche mit Rahmen kaufen endet.
Ich kann mein Nervensystem nicht zwingen.
Ich kann nicht verhindern, dass Wochen kippen.
Nicht garantieren, dass Woche vier anders beginnt.
Aber ich kann meinem Leben einen neuen Rahmen geben.
Nicht enger.
Nicht härter.
Sondern bewusster.
Weniger 100 Prozent. Mehr 60.
Weniger Dauerlauf. Mehr Dosierung.
Weniger Selbstanklage. Mehr Ehrlichkeit.
Noch traue ich dem Frieden nicht ganz.
Aber ich weiß:
Ich bin ausgeschüttet wie Wasser –
und trotzdem gehalten.
Und vielleicht beginnt Stabilität genau da:
nicht laut,
nicht spektakulär,
sondern leise,
ausgeschüttet wie Wasser,
und doch
im neuen Rahmen.
PS: Das Libellenbild in groß und meinen Text kann man in der FCG, Lörrach anschauen und lesen. Dort findet eine Ausstellung der Art community der FCG statt.
Ich wünsche euch allen eine gesegnete, stabile Woche und genießt die Pausen.






