Nicht einfach böse

Wenn ich über meine Bösewichte schreibe, merke ich, wie schnell ich selbst ins Nachdenken komme.
Nicht nur über sie, sondern auch über uns Menschen. Über mich.
Es ist erstaunlich, wie schnell wir wissen, wer der Böse ist. Wie schnell wir Menschen in Kategorien packen, urteilen und es uns damit einfach machen.
Und wie wenig wir darüber nachdenken, was da eigentlich passiert.
Warum jemand „böse“ wird. Oder ob das manchmal auch nur unsere Brille ist.
In Geschichten geht das oft ganz leicht.
Da ist jemand, der verrät, verletzt, tötet – und wir haben unser Urteil gefällt.
Das ist der Bösewicht. Der Gegenspieler. Der Antagonist.
Wie ist das in meiner Geschichte?
Aber wenn ich meine eigenen Figuren anschaue, wird es komplizierter.
Keiner von ihnen ist einfach nur böse.
Nicht am Anfang.
Jeder hat seine Geschichte, seine Gründe, seinen Weg.
Da ist jemand, der gelernt hat zu gehorchen, weil es leichter ist. Weil es Zugehörigkeit verspricht.
Jemand, der sich verpflichtet fühlt, weil Schuld und Dankbarkeit im Spiel sind.
Jemand, der Ungerechtigkeit empfindet, sich benachteiligt fühlt und irgendwann nicht mehr anders kann – oder nicht mehr anders will.
Und irgendwo dazwischen gibt es diesen Moment, an dem etwas kippt.
An dem eine Entscheidung fällt.
Vielleicht ist genau das das Beunruhigende.
Dass dieser Punkt nicht immer laut ist.
Nicht immer blutig.
Nicht immer so aussieht, als würde hier gerade ein Mensch zum Bösewicht werden.
Wo beginnt eine Figur Bösewicht zu sein?
Mit der ersten blutigen Tat?
Dem ersten Gesetzesbruch?
Oder einer heimlichen Fiesheit?
Manchmal beginnt es viel früher.
Mit einem falschen Ja.
Mit einem Schweigen, wo man widersprechen sollte.
Vielleicht mit einer Loyalität, die längst krank geworden ist.
Oder mit einer Wunde, die man nicht heilen lässt, sondern füttert.
Ich finde das beim Schreiben spannend – und ehrlich gesagt auch unbequem.
Denn es wäre viel einfacher, wenn das Böse immer von Anfang an klar erkennbar wäre.
Wenn es nur in den anderen wohnen würde.
In den Grausamen. Den Kalten. Den Rücksichtslosen.
Aber so einfach ist es nicht.
Und vielleicht ist genau das auch der Punkt, an dem solche Gedanken für mich nicht nur literarisch, sondern geistlich werden.
Denn vor Gott lässt sich das Böse nicht einfach bequem auslagern auf „die anderen“.
Bero
Bero ist das uneheliche Kind eines keonischen Burgherrn. Seine Brüder sind ihm nicht wohlgesonnen. Er ist eine meiner Figuren, die in die Nähe eines Menschen gerät, der Macht ausstrahlt und zugleich zerstört: Walter.
Bero lernt Walter schon als Kind kennen. Für ihn ist der Keonerfürst zunächst Zuflucht. Halt. Ein sicherer Ort.
Bero sieht in ihm den Mann, der ihn gerettet hat. Der ihm beinahe wie ein Vater wird.
Vielleicht will er nicht klarsehen. Vielleicht kann er es nicht. Oder es ist eine bewusste Entscheidung.
Auf jeden Fall ist da in ihm etwas, das sich nach Zugehörigkeit sehnt, nach Anerkennung, nach einem Platz, an dem er leben kann.
Dass Walter, der Mann, dem seine Loyalität gilt, längst Gewalt, Hass, Rache und Macht um jeden Preis gewählt hat, erkennt Bero nicht – oder erst viel zu spät.
Und irgendwann ist er so tief in diese Machenschaften verstrickt, dass der Weg zurück unmöglich scheint.
Den Moment, an dem es kippt und er sich dem Mann anvertraut, der in meiner Geschichte der große Gegenspieler ist, könnt ihr in diesem Geschichtenschnipsel lesen.
Urs
Der Mann mit der Narbe.
Der Sohn eines Lehnsmanns, der den keonischen Herrschern treu ergeben ist.
Er gerät in eine missliche Lage. Grenzsoldaten Eloans nehmen ihn gefangen und wollen ihn töten. Walter greift ein. So verdankt Urs ihm sein Leben.
Natürlich ist er bereit, diesem Mann zu folgen. Ihm zu dienen. Für ihn zu kämpfen.
Und damit einen Teil seiner Schuld abzutragen.
Aber was erst wie Dankbarkeit aussieht, wird zur Fessel.
Aus Pflicht wird Gefolgschaft.
„Ich bin es ihm schuldig, ihm zu folgen. Ohne ihn wäre ich längst tot.“
Aus Gefolgschaft wird Mittragen.
Und irgendwann stellt sich nicht mehr nur die Frage, was richtig wäre – sondern ob Urs überhaupt noch den Mut hätte, sich gegen Walter zu stellen.
Henk von Hauptstein
Und dann gibt es da noch die, bei denen es schärfer kippt.
Wo Kränkung sich mit Stolz vermischt.
Wo Ehrgeiz jede weiche Regung auffrisst und Eifersucht nicht mehr nur schmerzt, sondern sich verwandelt.
In Härte.
Hass.
Und in etwas, das nicht mehr nur reagiert, sondern selbst zerstören will.
Henk wächst am Hof von Eloan auf. Wird zum Ritter erzogen, gemeinsam mit Wolfhard, Ansgar und Tristan.
Er kämpft um seinen Platz am Hof, und als er merkt, dass Ansgar ihm vorgezogen wird, bricht etwas in ihm. Er entscheidet sich für Hass und Feindschaft. Und er treibt sie weit.
Er sucht die Gelegenheit zur Rache und ergreift sie.
Er entscheidet sich bewusst für Härte. Für Macht. Für den eigenen Willen um jeden Preis.
Und er fragt nicht mehr, ob ihm etwas zusteht, was das Gegenüber will oder was das eigene Handeln im Leben eines anderen zerstört.
Er ist längst an dem Punkt, an dem nur noch der eigene Wille zählt.
Jenseits von Gesetz und Gnade.
Der Punkt, an dem etwas kippt
Vielleicht wird ein Mensch nicht an einem einzigen Punkt böse.
Vielleicht sind es viele kleine Punkte.
Viele Momente, in denen er nachgibt. Sich verbiegen lässt.
Das eigene Tun gegen alle Widerstände rechtfertigt.
Sich verhärtet.
Wegschaut.
Oder beschließt, dass seine Verletzung größer ist als alles, was sie ihn kostet.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum mich solche Figuren nicht loslassen.
Weil sie mich daran erinnern, wie unauffällig innere Verhärtung oft beginnt.
Gibt es einen Weg zurück?
Ich glaube nicht, dass alles von Anfang an verloren ist.
Es gibt unterwegs immer wieder die Möglichkeit, anders zu wählen.
Nicht leicht.
Nicht ohne Preis.
Aber möglich.
Vielleicht glaube ich das auch deshalb, weil ich erlebe, dass Gott Menschen nicht vorschnell abschreibt.
Weil Umkehr in seinen Augen mehr ist als ein frommes Wort – nämlich eine reale Möglichkeit.
Umkehr kostet etwas, aber sie bietet auch eine echte Chance.
Nur wenige ergreifen sie.
Lass dich überraschen, welche meiner Figuren einen Neuanfang wagen.
Nicht einfach böse
Genau das macht solche Figuren für mich so spannend.
Nicht, weil ich das Böse schönreden will.
Sondern weil ich verstehen will, wie es passieren kann, dass Menschen kippen.
Wie aus einem vernachlässigten Kind ein gehässiger Spion wird.
Aus einem treuen Bürger jemand, der andere quält.
Aus einem jungen, ehrgeizigen Mann ein Scheusal.
Es fasziniert mich, weil es zeigt: Das steckt potentiell auch in mir.
Und manchmal ist es nur eine Entscheidung weit weg.
Kein Mensch ist einfach nur gut oder böse.
In jedem steckt die Möglichkeit zu beidem.
Zum Abrutschen in Schuld und Bosheit.
Aber auch zur Veränderung. Zur Umkehr. Zu einem Neuanfang.
Vielleicht erschrecken uns Bösewichte auch deshalb so sehr, weil sie uns daran erinnern, wie formbar ein Mensch ist.
Wie verführbar.
Wie verletzlich.
Und wie nötig es ist, dass wir uns nicht einfach treiben lassen von Kränkung, Stolz, Angst, Macht oder blinder Loyalität.
Sondern bewusste Entscheidungen treffen.
Vielleicht liegt der Unterschied nicht zuerst darin, dass wir gut oder böse geboren werden.
Sondern darin, was ein Mensch mit dem tut, was ihm widerfährt – und was daraufhin in ihm wächst.
Ob er bereit ist, eigene Entscheidungen zu hinterfragen und neue Wege zu wagen.
Denn die Frage nach dem Bösen stellt sich nicht nur in Geschichten.
Sie stellt sich auch in unserem eigenen Herzen.
Und vielleicht gerade dort am schmerzlichsten – vor dem Gott, der nicht nur unser Handeln sieht, sondern auch unser Innerstes.
Im nächsten Artikel schaue ich genauer auf Walter.
Später geht es noch darum, warum Geschichten überhaupt Bösewichte brauchen.
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