Wenn Entlastung nicht sofort trägt

Ein Samstagsplausch in einer schwierigen Zeit.
Wenn du magst, begleite mich durch eine Woche voller Aufs und Abs. Mein Wunsch war eine Entlastung des Nervensystems – und ich habe gemerkt, dass das mehr Zeit braucht, als ich gedacht hatte.
Wie immer verlinke ich meinen Samstagsplausch mit dem Karminrot-Blog und dem Karminroten Lesezimmer.

Ich hatte wirklich gedacht, dass die Entscheidung trägt.

Im letzten Samstagsplausch habe ich davon erzählt, wie ich mein Manuskript geparkt habe – eine Entscheidung, die mir spürbar Entlastung gebracht hat. Und ja: Ein Teil von mir war überzeugt, dass es danach leichter werden würde. Ruhiger. Stabiler.

Was ich unterschätzt habe:
Dass Entlastung nicht bedeutet, sofort wieder belastbar zu sein.
Dass ein Nervensystem manchmal erst dann loslässt, wenn die Gefahr vorbei ist – und sich die Erschöpfung dann mit voller Wucht zeigt.

Ein Wochenende, das eigentlich schön war – und trotzdem zu viel

Der Samstag begann eigentlich schön: Frühstück und Spielezeit mit Freunden, eine stimmige, gute Zeit mit meinem Mann. Ich habe mich wohlgefühlt – und gleichzeitig gemerkt: Das reicht eigentlich schon für diesen Tag. Als danach noch der Wochenendeinkauf anstand, wurde es schwer. Gemeinsam haben wir es geschafft. Danach ging nichts mehr außer Ausruhen.

Am Sonntag habe ich mich trotz Angst und Sorge entschieden, in den Gottesdienst zu gehen. Die Überforderung liegt für mich nicht im Gottesdienst selbst, sondern im Kontakt mit vielen Menschen. Über 250 auf einmal sind nicht nichts. Umso überraschender war es, wie leicht es sich angefühlt hat, als ich erst einmal da war. Gute Gespräche, echtes Wohlfühlen. Am Ende des Gottesdienstes saß ich vor dem Kreuz und hatte eine intensive, tragende Zeit mit Gott. Danach noch Kaffee-Ecke, Gespräche, Begegnungen.

Zu Hause kam die Erschöpfung. Müdigkeit, Rückzug. Und am späten Nachmittag noch eine finanzielle Angelegenheit, die geklärt werden musste. Da wäre das innere Gleichgewicht fast gekippt. Ich hatte Mühe, eine Entscheidung meines Mannes nicht sofort als „unsicher“ zu bewerten. Ich habe mich kurzfristig aus der Situation gezogen, um mich zu beruhigen. Es war machbar – aber es hat Kraft gekostet.

Wenn das Nervensystem kippt

Die wirklich schweren Tage kamen dann Montag bis Mittwoch.

Mein Nervensystem war deutlich übererregt. Innere Unruhe, Druck, Tränen, Erschöpfung. Es kam in Wellen. Es gab Momente, in denen ich funktionieren konnte: Auto fahren, kochen, Gespräche führen, Dinge erledigen. Und dann wieder Phasen, in denen selbst kleinste Entscheidungen zu viel waren. Dieses ständige Umschalten war zermürbend.

Ein Sinn-Kollaps mitten im Alltag

Besonders schmerzhaft war ein innerer Konflikt, der sich immer wieder aufgetan hat:
Mein Nervensystem brauchte einfache, bedeutungsarme Tätigkeiten – Hände benutzen, Dinge wegräumen, sich bewegen, ohne Ziel.
Mein Kopf und mein Herz hingegen rebellierten.

Wozu soll ich Handtücher falten?
Wozu soll ich auf und ab gehen?
Was bringt das alles?

Es war, als wäre der Sinn selbst kurz zusammengebrochen. Alles, was sich nicht „wirklich wichtig“ anfühlte, wurde innerlich abgelehnt. Und genau das hat es so schwer gemacht – weil Regulierung oft nichts mit Sinn zu tun hat, sondern mit Beruhigung.

Absagen, die wehgetan haben

Dazu kam die Enttäuschung darüber, dass es sich schlimmer anfühlte als die Woche davor – obwohl ich doch eine klare, richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich musste sehr viele Dinge absagen: zwei Kurstermine, Ranger, eine Worship Community Night. Jede einzelne Absage tat weh. Nicht, weil sie falsch gewesen wäre, sondern weil sie sich angefühlt hat wie ein weiterer Verlust. Ich habe innerlich heftig dagegen rebelliert.

Am Mittwoch starb eines unserer Meerschweinchen. Auch das noch. Manchmal ballen sich die Dinge einfach.

Mittwoch: Eskalation und eine bewusste Entscheidung

Dieser Mittwoch ist so eskaliert, dass ich am liebsten direkt in die psychiatrische Klinik gefahren wäre. Am Abend haben wir den ärztlichen Bereitschaftsdienst angerufen. Die klare Rückmeldung war: keine akute Eigen- oder Fremdgefährdung – also abwarten und am nächsten Tag den Hausarzt aufsuchen.

Ich habe in diesem Moment eine Entscheidung getroffen, die sich im Nachhinein als wichtig erwiesen hat: Ich habe kein Notfallmedikament genommen, sondern mich bewusst für Deeskalation entschieden. Melissentee, Ruhe, Schlaf. Nicht aus Trotz, sondern aus dem Gefühl heraus, dass mein System gerade etwas anderes braucht.

Das Ergebnis waren fast neun Stunden Schlaf am Stück.

Donnerstag: Leise Stabilität

Der Donnerstag begann leise. Ruhig. Mein Körper war müde, aber das Nervensystem deutlich entspannter. Keine Panik, kein inneres Getriebensein. Der Tag blieb klein: Frühstück, Medikamente zur richtigen Zeit, Kräutertee statt Schwarztee. Ein sehr sanftes „12 von 12“, mehr Beobachten als Dokumentieren. Ein bisschen Haushalt in klar begrenzten Einheiten, Pausen dazwischen. Kein Ehrgeiz, kein „Jetzt aber noch schnell“.

Am Abend bin ich – mit der inneren Erlaubnis, jederzeit wieder zu gehen – zum Treffen meiner Bibelschul-Tischgruppe gegangen. Wir waren fünf Frauen. Ich durfte erzählen, wie es mir gerade geht, und die anderen haben für mich gebetet. Ich habe das deutlich gespürt. Zusätzlich hatte ich noch in einem anderen Kreis darum gebeten, für mich zu beten – und rückblickend merke ich: Donnerstag und Freitag hat sich etwas verändert. Nicht spektakulär. Aber tragend.

Auch mein Mann hat entschieden, Donnerstag und Freitag im Homeoffice zu arbeiten. Diese Form von Co-Regulation hat mir sehr geholfen, stabil zu bleiben.

Freitag: Müdigkeit und Klarheit

Der Freitag begann früh. Um halb sechs habe ich meine Tochter zu ihrer Arbeit gefahren und bin allein zurück. Um 6:20 Uhr war ich wieder zu Hause. Müde, aber klar im Kopf. Der Körper angeschlagen, das Nervensystem ruhig.

Vormittags habe ich in kleinen, begrenzten Aufräumblöcken Vorarbeit fürs Wochenende gemacht: Küche, Brot schneiden und einfrieren, Kleinigkeiten verräumen. Nicht alles. Aber genug. Immer wieder nachjustieren, kürzere Einheiten, mehr Pausen, mehr Nachsicht.

Ein kurzer Moment innerer Anspannung entstand, als ein wichtiges Medikament nicht auffindbar war. Die Situation ließ sich ruhig einordnen: kein Notfall. Kontrolle loslassen, Selbstberuhigung vor Aktionismus.

Nach einer Mittagspause, die ungeplant in einen längeren Schlaf überging, war klar, wie erschöpft der Körper wirklich war. Am Nachmittag habe ich „12 von 12“ fertiggestellt und veröffentlicht – anstrengend, aber mit einem klaren Abschlussgefühl.

Wenn du magst, kannst du hier in mein 12 von 12 gucken und meinen Donnerstag in Bildern miterleben.

Später ging es ins Café Kirche. Der erste Teil war gemeinsam mit meinem Mann – das Zähe war weniger der Weg als das Warten, bis er seinen Arbeitsrechner zugeklappt und sich angezogen hatte. Danach war ich noch eine gute Stunde allein dort: Tee, Kuchen, Lesen, Schreiben im Bullet Journal. Besonders wertvoll war das protokollarische Festhalten dieser Woche – sachlich, ohne Bewertung, als Integration.

Der Abend gehörte mir. Gespräche, klare Grenzen (Hauskreis pausiert), dann Lieblingstee, Sofa, Buch. Lesen und Ruhen im Wechsel. Punktgenau stellte sich das Gefühl ein: Jetzt reicht es erst einmal.

Was bleibt

Diese Woche war keine, in der viel im Außen passiert ist.
Aber innerlich habe ich viel gelernt:

– dass Entscheidungen entlasten können – und trotzdem Nacharbeit brauchen.
– dass Absagen kein Scheitern sind, auch wenn sie weh tun.
– dass Regulierung nicht sinnvoll sein muss, um wirksam zu sein.
– und dass es Stärke ist, auf leise Signale zu hören, bevor sie laut werden.

Ich gehe nicht stolz aus dieser Woche.
Aber achtsam.

Mit dem Wissen, dass manche Wochen nicht gemeistert, sondern ausgehalten werden wollen.
Und dass Gott mich trägt – auch dann, wenn ich es selbst gerade nicht spüren kann.

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Ein Kommentar

  1. Hallo Martina!
    Erwartungshaltung in Kombination mit dem eigenen Willen die in einer Wunschvorstellung verschmelzen, aber unseren Alltag dann doch so gar nicht reflektieren.

    In Gedanken bin ich so nah…

    Ich hab ja letzten Sonntag Familie besucht und dafür erstmal mit der Bahn 3 Stunden bis Stuttgart benutzt. Auf dem Rückweg ergaben sich aber Verspätungen, die mir irgendwann unter die Haut krochen. Mein Nacken verspannte immer mehr. Am Ende fielen mir die Augen zu, aber ich hielt mich wach. Mein Limit war erreicht, wenigstens hatte mein letzter Anschluss ebenfalls Verspätung, so dass mein Heimweg nicht noch kräftezehrender wurde, weil ich beinahe noch mit dem Bus kreuz und quer hätte fahren müssen.

    So aber konnte ich direkt nach Hause laufen und war innerhalb von 10 Minuten im Bett, dann noch Rückmeldung durchgeben, dass ich gut angekommen war. Ich war einfach nur noch platt.

    Der Tag darauf als Erholung fest eingeplant und das war gut so, denn jetzt kamen die Verspannungen vom Vortag noch an andere Stelle zum Vorschein nicht nur der Nacken.

    Ich war einerseits stolz auf mich, die Strecke gemeistert und den Tag in großen Teilen genossen zu haben. Aber ich habe auch erkannt, woran ich noch arbeiten muss. Immerhin kein bedrohliches Angstgefühl, keine aufkommende Panik.

    Leider ist meine Geschichte für die Sternschnuppen-Challenge auf der Heimfahrt, regelrecht auf der Strecke geblieben, weil mir nicht genug innere Ruhe übrig blieb und die Woche sah auch bescheiden aus, weil mein Akku es über Nacht nie auf das gewünschte Ladevolumen schaffte, weshalb es am Tag immer nur für die Pflicht genügte und die Kür wieder einmal ausfallen musste.

    Es wird besser werden sage ich mir immer wieder wie ein Mantra.

    Ich wünsche dir weiterhin gute Besserung, manchmal ist es eben wie es ist.

    Aber gestern war ein riesengroßer Schwarm Kraniche übers Dach geflogen, ich hab sie gehört leider nicht gesehen, aber es hat mich so sehnsüchtig nach Frühling werden lassen. Ich kann mich an kein anderes Jahr erinnern in dem ich so nach dem Frühling gesehnt habe.
    Die Schneeglöckchen winken schon…

    Liebe Grüße
    Sabine

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