Zwischen Buchseiten, Umzugskisten und neuen Wegen

Heute ist es noch erstaunlich ruhig hier.
Fast ein bisschen zu ruhig, wenn man bedenkt, dass heute der große Umzugstag ist.
Unsere Tochter zieht nach Husum.
Und wer aufmerksam bei mir mitliest, weiß, dass ist nicht der erste Umzug nach Husum. Vor einem Dreivierteljahr ist mein Sohn nach Husum gezogen, vor etwas mehr als einem halben Jahr dann in seine erste, eigene Wohnung, wer du noch mal nachlesen magst oder die Story noch nicht kennst, kannst du das hier gern nochmal tun: Umzug nach Husum.
Später werden Kartons geschleppt, Taschen verstaut, Katzen ins Auto verfrachtet und wahrscheinlich wird irgendetwas genau dann fehlen, wenn wir eigentlich loswollen.
Aber gerade ist davon noch nichts zu merken.
Gerade sitze ich hier und schreibe meinen Samstagsplausch und verlinke ihn wie immer mit Karminrot und ihrem karminroten Lesezimmer.
Ruhe vor dem Sturm also.
Und wenn ich auf diese Woche zurückblicke, könnte man sagen, dass sie hauptsächlich aus drei Dingen bestand: Wolkenstein, Umzugsvorbereitungen und der Versuch, zwischendurch nicht völlig den Überblick zu verlieren.
Wobei das natürlich ein bisschen zu kurz gegriffen ist.
Warum Bücher nicht einfach Bücher werden
Mit Wolkenstein bin ich inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem aus einem Manuskript tatsächlich langsam ein Buch wird.
Das klingt schön.
Ist es auch.
Manchmal.
Die Kapitelzierden sind inzwischen eingebaut, die Überschriften sitzen weitgehend da, wo sie hingehören, Seitenzahlen gibt es ebenfalls und nach allerlei Bereinigungen ist das Manuskript inzwischen auf ungefähr 440 Seiten geschrumpft.
Zwischendurch hatte es deutlich mehr.
Sehr deutlich mehr.
Es ist erstaunlich, wie viele Seiten man produzieren kann, ohne auch nur ein einziges Wort zusätzlich zu schreiben. Man braucht dafür lediglich ein Textverarbeitungsprogramm, ein paar falsch gesetzte Umbrüche und Formatvorlagen, die beschließen, ein Eigenleben zu entwickeln.
Ich hätte LibreOffice in dieser Woche jedenfalls mehr als einmal gedanklich aus dem Fenster werfen können.
Allerdings wohnen wir im Hochparterre.
Das wäre also kein dramatischer Absturz geworden, sondern eher ein beleidigtes Plumps auf den Boden.
Dafür lohnt sich die ganze Aufregung nicht.
Also blieb LibreOffice.
Und ich auch.
Dann kamen Schusterjungen und Hurenkinder.
Wer mit Buchsatz nichts zu tun hat, könnte jetzt auf ganz falsche Gedanken kommen. Dabei geht es lediglich um einzelne Zeilen eines Absatzes, die ungünstig am Anfang oder Ende einer Seite stehen.
Man möchte sie dort nicht haben.
Das klingt zunächst nach einem überschaubaren Problem.
Bis man eine Zeile verschiebt.
Dann rutscht auf der nächsten Seite etwas.
Man korrigiert dort.
Danach verschiebt sich zwei Seiten später die nächste Überschrift.
Und irgendwann sitzt man vor seinem Buch und denkt:
Ich wollte doch eigentlich nur einen Roman schreiben.
Genau deshalb sage ich immer wieder:
Ich liebe Schreiben.
Buchmachen ist etwas anderes.
Und trotzdem wird es.
Ich bin wieder von vorne durch das Manuskript gegangen, habe Kommentare abgearbeitet, Formatierungen kontrolliert, Dinge entdeckt, bei denen ich mich fragte, wie sie mir bisher entgehen konnten, und natürlich auch neue Baustellen gefunden.
Unter anderem stellte ich fest, dass mir tatsächlich ein Kapitel fehlt.
Nicht im Sinne von: irgendwo versehentlich gelöscht.
Nein.
Ich habe es offenbar schlicht nie geschrieben.
Das ist auch mal eine Methode.
Zum Glück weiß ich inzwischen ziemlich genau, was dort passieren muss. Es ist also weniger eine Katastrophe als eine weitere Aufgabe auf der Liste.
Trotzdem hätte ich nichts dagegen gehabt, diese Entdeckung erst nach dem Umzug zu machen.
Schreiben kann nämlich auch einfach Spaß machen
Das Schöne an dieser Woche war, dass ich mich zwischen all dem Buchmachen daran erinnern durfte, warum ich das überhaupt tue.
Ich hatte nämlich meinen Workshop zum Thema Beschreibungen.
Und der war genial.
Nicht nur nett.
Nicht nur „lief ganz gut“.
Genial.
Wir haben darüber gesprochen, wann Beschreibung zu viel wird, wann sie fehlt und wie man sie mit Handlung und Dialog verbinden kann, ohne dass die Geschichte plötzlich stehen bleibt.
Und dann haben wir geschrieben.
Zehn Minuten.
Eine Szene.
Weiter.
Wieder zehn Minuten.
Ich habe selbst mitgemacht und innerhalb dieser kurzen Einheiten kleine Szenen geschrieben, ohne lange daran herumzudenken.
Und plötzlich war da wieder genau dieses Gefühl:
Ach ja.
Deshalb.
Deshalb schreibe ich.
Nicht wegen Absatzformaten.
Nicht wegen Seitenzahlen.
Und schon gar nicht wegen Schusterjungen.
Sondern wegen Figuren, die plötzlich etwas tun, womit ich selbst nicht gerechnet habe. Wegen Bildern, die beim Schreiben entstehen. Wegen Geschichten.
Das tat ziemlich gut.
Einmal Frankreich und zurück
Anfang der Woche war ich außerdem bei einer Freundin in Kingersheim.
Dafür musste ich nach Frankreich fahren.
Das klingt jetzt sehr weltläufig. Ist aber einfach bei mir um die Ecke, In etwa 20 MInuten war ich in Frankreich.
Aber tatsächlich bedeutet Frankreich für mich hauptsächlich:
Ich kann kein Französisch.
Also wirklich kaum. Zu einem „Bonjour“ reicht es, mehr ist nicht drin…. Vielleicht noch „Ferme la porte“ Keine Ahnung warum mir genau der Satz hängen geblieben ist. Damit ist mein aktiver Wortschatz für internationale Krisensituationen im Wesentlichen abgedeckt. Mehr geht nicht.
Meine Strategie bestand deshalb im Wesentlichen darin, meinem Navi zu vertrauen und zu hoffen, dass niemand unterwegs ein ausführliches Gespräch mit mir beginnen möchte.
Auf der Hinfahrt war ich irgendwann allerdings so müde, dass ich eine Pause machen musste.
Nicht dieses gemütliche „Ach, ich hole mir mal einen Kaffee“-Pausemachen.
Sondern eher:
Nein. So fahre ich jetzt nicht weiter.
Also raus von der Autobahn, auf den Parkplatz und 1 Minuten Augen zu und kurz sammeln und danach wieder los.
Damit ich anschließend wach blieb, ließ ich mich von Chatgpt unterhalten.
So kamen wir zu mehreren wichtigen Erkenntnissen.
Zum Beispiel:
Pudding lässt sich nicht an die Wand nageln.
Und Chipstüten lassen sich nicht leise öffnen.
Ich halte beides für ausreichend wissenschaftlich belegt.
Der Besuch selbst war dann richtig schön.
Wir haben über vieles gesprochen, natürlich auch über Geschichten. Unter anderem darüber, ob eine Dystopie eigentlich vollkommen hoffnungslos enden muss.
Muss sie nicht.
Das gefällt mir.
Die Welt einer Geschichte darf dunkel bleiben. Es muss nicht plötzlich alles gut sein.
Aber irgendwo kann trotzdem jemand anfangen, einen anderen Weg zu gehen.
Außerdem hatten wir es davon, wie Gott Wege führt und wie Sannend es wird, wenn wir uns darauf einlassen.
Vielleicht beschäftigt mich dieser Gedanke gerade auch deshalb, weil hier im wirklichen Leben ebenfalls einiges in Bewegung kommt.
Wenn plötzlich Bewegung hineinkommt
Bei meinem Mann Jörg zum Beispiel.
Vor wenigen Tagen war die Transformerschule noch eher eine Möglichkeit.
Dann wurde daraus ein ernsthafter Gedanke.
Dann eine Anmeldung.
Und zum Schluss ein Gespräch mit dem Pastor unserer Gemeinde..
Gestern kam die mündliche Zusage.
Da fehlt natürlich noch das Schriftliche, aber trotzdem saßen wir gestern da und dachten:
Okay.
Das wird jetzt wohl wirklich passieren.
Und dann gibts noch andere DInge, die bei meinem Mann gerade in Bewegung geraen. Noch ist nicht alles spruchreif, aber das wirds noch werden.
Und bei mir selbst gibt es gerade ebenfalls dieses Gefühl, dass irgendetwas Neues unterwegs ist.
Ich weiß nur noch nicht genau, was.
In den vergangenen Wochen hatte ich mehrfach dieses Bild von etwas, über dem noch ein Tuch liegt.
Und den Eindruck:
Noch nicht daruntergucken.
Was ausgesprochen unpraktisch ist, wenn man neugierig ist.
Ich würde nämlich sehr gern daruntergucken.
Stattdessen bleibt mir momentan nur, das zu tun, was gerade vor meinen Füßen liegt.
Und da lagen diese Woche ausgesprochen viele Umzugskisten.
Von Wäschebergen, Katzen und dem Hackfleisch-Fenster
Je näher der Umzug rückte, desto mehr wurde unser Alltag davon bestimmt.
Kartons.
Wäsche.
Müll.
Katzenzeug.
Einkäufe.
Fahrten.
Kratzbaum.
Und natürlich Dinge, die irgendwo noch auftauchten und dringend mitmussten.
Wir waren dabei nicht immer alle vollkommen tiefenentspannt.
Das wäre vermutlich auch etwas viel verlangt.
Ein Umzug ist schließlich nicht nur dieses romantische „Ein neuer Lebensabschnitt beginnt“.
Ein Umzug ist auch:
Wo ist das Ladekabel?
Ist diese Kiste schon voll?
Kann das weg?
Wem gehört das?
Und warum liegt das eigentlich noch hier?
Ich habe in dieser Woche jedenfalls deutlich gemerkt, dass ich müde bin.
Nicht nur so ein bisschen.
Der Donnerstag allein hätte problemlos für mehrere Tage gereicht.
Manuskript, Wäsche, Arzt, Fressnapf, Meerschweinchenversorgung, Umzugsdinge und später noch Essen.
Immerhin war der Arzttermin unauffällig, worüber ich sehr froh war.
Und am Abend ergab sich eine kleine familiäre Besonderheit:
Unser Sohn kam genau dann nach Hause, als unsere vegetarische Tochter nicht da war.
Damit war das Hackfleisch-Fenster geöffnet.
Also gab es Knöpfle mit Hackfleisch, Zwiebeln und Käse.
Familienessen braucht manchmal ein erstaunlich präzises Timing.
Später war ich dann einfach nur noch fertig.
Und als mir zusätzlich ziemlich heiß wurde und die Temperatur leicht nach oben ging, hatte ich sehr wenig Lust auf noch irgendeine weitere Aufregung. Krank werden, war gerade keine gute Idee.
Zum Glück sank sie wieder. Also die Temeratur in meinem Inneren. Ansonsten wars bis auf Freitag ziemlich heiß hier im Süden Deuschlands.
Und irgendwann brauchte mein Kopf dringend etwas anderes.
Also landeten Chatgpt und ich gedanklich auf einer kleinen Insel.
Dort gab es Brombeerwaie mit Streuseln, eine Katze und Omas altes Bonbonglas.
Das Bonbonglas blieb allerdings nicht leer.
Wir füllten Sand hinein.
Muscheln.
Ein kleines selbstgebasteltes Boot.
Und einen Leguan.
Er heißt Ikebana.
Warum?
Keine Ahnung.
Aber Ikebana hat eine ausgezeichnete Hausordnung.
Nach 22 Uhr dürfen weder Manuskriptprobleme noch Umzugskisten oder Familienkonflikte in sein Glas.
Ich finde, der Kerl hat sein Leben erstaunlich gut im Griff.
Und nun ist Samstag
Gestern musste dann noch einmal ziemlich viel passieren.
Einkaufen für die Fahrt.
Letzte Dinge im Zimmer.
Noch einmal sortieren.
Noch einmal überlegen, was mitmuss.
Zwischendurch kam die Nachricht, dass Jörg die mündliche Zusage für die Transformerschule bekommen hat.
Und am Abend war das Zimmer unserer Tochter tatsächlich quasi fertig.
Ich allerdings auch.
Fix und foxi.
Und jetzt ist Samstagmorgen.
Der Samstagsplausch ist dran, draußen beginnt langsam der Tag und in ein paar Stunden wird es hier ganz anders aussehen.
Heute fahren wir nach Husum.
Unsere Tochter zieht aus.
Die Katzen ziehen mit.
Und ich weiß noch gar nicht genau, wie sich das später anfühlen wird.
Im Moment fühlt es sich vor allem merkwürdig ruhig an.
Die Kartons stehen da.
Die Taschen stehen da.
Der Reiseproviant ist gekauft.
Alles wartet darauf, dass dieser Tag endlich richtig anfängt.
Und ich sitze noch hier mit meinem Samstagsplausch.
Vielleicht ist das ganz gut so.
Noch ein bisschen sitzen.
Noch ein bisschen erzählen.
Und dann stehen wir auf, laden das Auto und fahren los.
Und falls irgendwann unterwegs alles gleichzeitig zu viel wird, weiß ich immerhin:
Irgendwo sitzt Ikebana in seinem Bonbonglas auf einem warmen Stein.
Und nach 22 Uhr ist geschlossen.
Ich wünsche dir eine gute Woche, viele neue Erlebnisse und ein Bonbonglas. Womit füllst du dein Glas? Schreib mir gerne deine Ideen in die Kommentare.






Hallo Martina,
Das klingt nach viel Stress und Durcheinander, das Du dann noch Kapazität hast Dir einen Ikebana auszudenken… erstaunlich. Ich wünsche Euch für den Umzug alles Gute und Gute Fahrt.
Hallo Uschi,
Danke für die lieben Wünsche. ❤️
Der Ikebana war die Gute-Nacht-Übung zum Runterkommen, sonst wäre ich wahrscheinlich vor lauter Rödeln, Denken und Schaffen gar nicht zur Ruhe gekommen. Sozusagen Notwehr in Geschichtenform.
Liebe Grüße ❤️
Martina
Über Schusterjungen und Hurenkinder habe ich schon einmal in einem Buch über Bücher gelesen. Die hatten da sogar eine besondere Rolle.
Umzüge finde ich wirklich anstrengend. Aber schön ist es am Ende doch, weil alles einfach neu ist. Husum scheint für meinen Mann auch einen besonderen Reiz zu haben. Er nervt mich damit auch schon etwas länger …
Liebe Grüße
Andrea