WWW – Wolkenstein, Wurmloch, Warntag

Was mein persönliches WWW -Wolkenstein, Wurmloch und Warntag zu bedeuten hat, dass erzähle ich dir in diesem Samstagsplausch, den ich wie immer mit Karminrot und ihrem Karminroten Lesezimmer verlinke.
Nur ein Ziel
Diese Woche hatte eigentlich nur ein wirkliches Ziel:
Wolkenstein musste fertig werden.
Das klingt im Nachhinein herrlich übersichtlich.
Die letzten Korrekturen meines Mannes übernehmen. Die noch fehlenden Szenen schreiben. Danksagung, Vorschau, Autorenvita und all diese Dinge fertigstellen, die zwar nicht zur eigentlichen Geschichte gehören, ohne die aber trotzdem kein Buch entsteht. Danach einmal komplett lesen, Innenteil kontrollieren, ISBN beantragen, bei der Buchschmiede hochladen.
Fertig.
Hahaha.
Wenn aus einem Manuskript langsam ein Buch wird
Schon am letzten Wochenende saß ich wieder mitten in den letzten Kleinigkeiten.
Mein Mann war mit dem Lesen von Wolkenstein fertig.
Sein Kommentar?
»Wann kommt die Fortsetzung?«
Ich glaube, damit kann ich leben. 😄
Danach arbeiteten wir uns noch einmal gemeinsam durch das Personenregister. Namen, Bezeichnungen, Verwandtschaftsverhältnisse – alles sollte nach demselben Prinzip aufgebaut sein. Und natürlich fanden wir trotz mehrfacher Kontrolle noch eine fehlende Figur und einen Mann, der an zwei Stellen unterschiedlich hieß.
Man glaubt gar nicht, wie viele winzige Dinge sich auf den letzten Metern eines Buches noch irgendwo verstecken können.
Die Widmung steht inzwischen:
Und weil ein Buch offensichtlich nicht einfach fertig sein darf, nur weil der Text fertig ist, beschäftigte ich mich außerdem mit Fragen wie:
Was ist eigentlich eine Hohe Tafel?
Muss »Lehnsherr« ins Glossar?
Wie erkläre ich einen Kastellan?
Und darf eine Buchseite unten zwei Zeilen kürzer sein als die daneben?
Fragen, von denen ich vor ein paar Jahren nicht wusste, dass sie jemals irgendeine Bedeutung in meinem Leben haben würden.
Heute kann ich mich erstaunlich lange damit beschäftigen.
LibreOffice und ich
Und dann kam das Formatierungschaos.
Ich möchte an dieser Stelle nicht noch einmal jedes Detail erzählen. Ich glaube, ich habe diese Woche oft genug »MP0«, »MP1«, »MP2« und vor allem
WARUM STEHT DA JETZT VERZEICHNIS?
gesagt.
Die Kurzfassung:
Die Buchschmiede arbeitet mit verschiedenen Seitenvorlagen für Vorspann (MP0), Haupttext (MP1) und Nachspann (MP2). Mein bestehendes Manuskript hatte natürlich längst eigene Formatierungen und zum Teil sehr eigenwillige. So hatten wir es nicht geschafft, den ersten Seiten einheitlich eine Seitenvorlage zuzuweisen, bei der keine Numerierung stattfand, während manche Seiten, die nummeriert hätten sein sollen, auch keine Zahlen aufwiesen. Und als diese beiden Welten, also Buchschmiedeformat und mein selbstgeschustertes, aufeinandertrafen, beschlossen sie offenbar, nicht besonders freundlich miteinander umzugehen.
Plötzlich wechselten Seitenvorlagen, wurden Formatierungen überschrieben, die bleiben sollten. Leerseiten erschienen. Kapitel verschoben sich. Alte Umbrüche mischten sich ein.
Irgendwann hatte ich so viele Versionen gespeichert, dass ich selbst nicht mehr wusste, welche davon eigentlich meine fast fertige Fassung war. Also due it meinem vollständigen neuen Text, aber minimalem Formatierungschaos.
11?
12?
Test?
Vorlage?
Gesamtfassung?
AAAAAAAAARGH.
Immerhin begriff ich irgendwann rechtzeitig: Jetzt nichts überschreiben. Nichts löschen. Nicht panisch noch fünf Dinge ausprobieren.
Denn »Ich weiß gerade nicht, wo mein letzter sicherer Stand ist« ist noch nicht dasselbe wie »Alles ist weg«.
Am nächsten Tag ließ sich das Chaos tatsächlich wieder entwirren.
Vorspann: MP0.
Roman: MP1.
Nachspann: MP2.
Kapitel 1 beginnt auf einer rechten Seite.
Jaaaaa!
Danach musste ich nur noch ein paar alte Seitenumbrüche herausoperieren, Initialen kontrollieren, Karten austauschen und ungefähr dreihundertmal »Format – Seitenvorlage« sagen.
LibreOffice und ich werden vermutlich keine Freunde mehr.
Aber wir arbeiten inzwischen immerhin zusammen.
Wie nah darf Text an einer Seitenzahl stehen?
Eine weitere Frage, die mich erstaunlich lange beschäftigte.
Mir war der Abstand zwischen letzter Textzeile und Seitenzahl an einigen Stellen einfach zu knapp.
Also schaute ich mir Vergleichsbücher an. Rebecca Gablé musste herhalten. Dort war deutlich mehr Luft.
Schließlich änderte ich den Abstand der Fußzeile um ganze 0,3 Zentimeter.
0,3 Zentimeter!
Und plötzlich sah alles viel ruhiger aus.
Leider hatte das Manuskript danach sieben Seiten mehr.
Natürlich.
Also wieder durchs komplette Buch und kontrollieren, was sich verschoben hatte.
Ein paar Kapitelenden ließen sich mit einem gestrichenen Wort oder einem sinnvoll gesetzten Absatz retten. An anderen Stellen durfte die Seite einfach etwas kürzer bleiben.
Offenbar sieht ein Buch nicht automatisch unprofessionell aus, nur weil nicht jede Seite millimetergenau auf derselben Höhe endet.
Ich versuche, das zu glauben.
Eine Burg entsteht
Zwischendurch bekam Wolkenstein noch etwas, von dem ich zunächst gar nicht wusste, dass ich es brauche:
eine Burgkarte.
In meinem Kopf und irgendwann in meinem Bulletjournal gab es sie schon lange, aber muss die ins fertige Buch?
Ich beschloss ja, wenn ich es hinkriege, sie anständig zu zeichnen,
Also griff ich ganz altmodisch zu Stift und Papier und begann, die Plagenburg zu zeichnen.
Mauern. Höfe. Türme. Große Halle. Küche. Vorräte. Stall. Schmiede. Kräutergarten. Brunnenhaus. Hühnerhof.
Und für einen kleinen Raum am Brunnenhaus reichte irgendwann die sehr praktische Beschriftung:
Eimer + Seile.
Mehr muss Adelar schließlich auch nicht wissen.
Das Spannende daran war: Beim Zeichnen merkte ich plötzlich, dass die Karte nicht nur Buchschmuck ist. Während des schreibens hatte ich mich oft an meiner Karte orientiert und vielleicht hilft sie auch dem ein oder anderen Leser, den Überblick über wichtige Kapitel zu behalten. Keine Angst, ich spoilere nicht, was hier passiert.
Am Ende schrieb ich darunter:
Adelars Zeichnung der Plagenburg.
Und genau deshalb darf sie auch ein bisschen schief und handgemacht aussehen. Sie soll gar kein perfekter Architekturplan sein.
Jetzt muss sie nur noch verkleinert im Buch lesbar bleiben.
Geburtstag in der Ferne
Am Montag hatte mein jüngster Sohn Geburtstag.
Zum ersten Mal, seit er nicht mehr zu Hause wohnt.
Und ich merkte erst an diesem Morgen, wie sehr mich das beschäftigt.
Eigentlich hatte ich ihm einen Kleiderschrank finanzieren wollen. Daraus war nichts geworden. Dann überlegte ich, ob eine Schwimmbadkarte passen könnte. Zu viel geld für zu wenig Schwimmen. Schließlich fiel mir ein, dass er kürzlich gesagt hatte, sie bräuchten noch ein Waffeleisen.
Das klang schon eher nach ihm. Letztlich hab ich ihn gefragt, was er denn noch brauchen würde.
Viel schwerer als die Geschenkfrage war allerdings, dass ich ihn einfach gern in den Arm genommen hätte.
Stattdessen blieb erst einmal nur eine Nachricht mit Geburtstagswünschen und später ein Telefonat.
Kinder werden groß.
Das ist richtig so.
Aber niemand hat gesagt, dass man es deshalb immer leicht finden muss.
Mein Schreibkurs, der beinahe keiner war
Am Dienstagabend saß ich um 19 Uhr bei Zoom.
Ich erwartete zwei Teilnehmerinnen.
19.09 Uhr: niemand da.
Nun ist eine meiner Teilnehmerinnen durchaus dafür bekannt, fünf oder zehn Minuten später aufzutauchen.
Also wartete ich.
Und wartete.
Und arbeitete nebenbei an Wolkenstein weiter.
Coverabbildungen einfügen. Einen unschönen Tabellenumbruch beheben. Noch eine kleine Textstelle anschauen.
Um 19.24 Uhr war immer noch niemand da.
Und ich dachte: Na gut. Wenn schon niemand zum Schreibkurs kommt, wird eben das Buch ein Stück fertiger.
Fünf Minuten später später fand der Kurs dann übrigens doch noch statt.
Und genau daraus entstand gleich das nächste Problem.
Ich wollte wirklich nur eine Schreibübung machen
Ich hatte meinen Kurs kaum vorbereitet und brauchte etwas Leichtes, Spielerisches.
Also eine Zehn-Minuten-Aufgabe:
Beschreibe einen Sommermoment mit allen fünf Sinnen.
Und plötzlich war ich wieder in Husum.
Wind im Haar. Kühle Luft auf der Haut. Fisch und Krabbenbrötchen. Schlosspark. Gras. Modriger Burggraben. Sommer im Norden, der für mich anders schmeckt als daheim.
Frischer.
Windiger.
Freier.
Dann kam die nächste Aufgabe: Etwas in dieser Szene verändert sich
Mach aus der Erinnerung eine Fiktion,
In meinem Text läuft meine Tochter unter eine Trauerweide.
Und kommt nicht wieder heraus.
Stattdessen erscheint eine völlig aufgelöste Edeldame in einem meergrünen Kleid.
Sie behauptet, das Schloss brenne.
Tut es nicht.
Sie sucht den Burgverwalter und redet von einem »Herrn der Meere, Schrecken der Nordsee«.
Und ich will vor allem wissen:
Wo ist meine Tochter?
Mein Sohn dagegen bleibt erstaunlich pragmatisch, bietet der Dame seinen Arm an und findet offenbar, dass man sie erst einmal mit nach Hause nehmen könnte.
Die Dame stellt sich vor:
Freifrau von Husum.
Gut.
Damit hatte ich mein Wurmloch und die Sache hätte verrückt genug sein können.
War sie natürlich nicht.
Die nächste Aufgabe lautete:
Jemand ruft deinen Namen
Also höre ich plötzlich:
»Mama, Martina! hilf mir.«
Niemand sonst hört es.
Dann noch einmal.
Und schließlich sehr laut in meinem Kopf:
»MAMA, hilf mir, der Kerl glaubt mir nicht.«
Dreimal zehn Minuten.
Mehr war das nicht.
Und plötzlich fragte ich mich:
Wo ist Lis?
In welcher Zeit?
Wer ist der Kerl?
Warum wurde ausgerechnet sie gegen die Freifrau ausgetauscht?
Und dann fing mein Kopf an weiterzubauen.
Was, wenn eigentlich gar nicht Lis gesucht wurde?
Was, wenn ihre Mutter gesucht wurde?
Eine Romanautorin.
Was, wenn beim Wurmloch etwas schiefgelaufen ist?
Was, wenn Geschichte verändert wurde und ich sie reparieren muss, bevor die Zeiten anfangen ineinanderzukippen?
Mist.
Das könnte Stoff sein.
Nicht nur für eine Kurzgeschichte.
Für ein Buch.
Mein Mann war mäßig beeindruckt.
»Gibt es doch schon. Steine bei Outlander. Schrank bei Narnia.«
Ja.
Portale gibt es schon.
Zeitreisen auch.
Aber eine neugierige Tochter, die versehentlich statt ihrer Mutter entführt wird, eine Freifrau von Husum, ein falsch laufendes Wurmloch und eine Romanautorin, die Geschichte reparieren soll?
Das klingt dann doch ziemlich nach meiner Art Chaos.
Während ich noch darüber nachdachte, fing es draußen an zu donnern.
Vermutlich der Herr der Meere.
Und dann war es fertig
Mittwochmittag.
Ich saß da mit Zahn- und Ohrenschmerzen, der Zahnarzttermin für den nächsten Morgen war schon vereinbart – und plötzlich hatte ich etwas geschafft, auf das ich seit über zwei Jahren hingearbeitet hatte:
Wolkenstein ist fertig.
Rund 400 Seiten.
Ungefähr zwei Jahre und drei Monate Arbeit.
An diesem Vormittag hatte ich noch die letzte inhaltliche Lücke geschlossen. Danach kamen Danksagung, Rückblick auf Band 1, Vorschau auf Band 3 und die Autorenvita.
Und irgendwann gab es tatsächlich nichts Inhaltliches mehr zu tun.
Okay.
Fast nichts.
Ein paar Verwaltungsreste natürlich.
ISBN. Impressum. Stockfotoangabe.
Aber das sind keine Romanarbeiten mehr.
Und dieser Unterschied fühlt sich riesig an.
Ich war einfach glücklich.
Und gleichzeitig völlig erschöpft.
Denn natürlich wollte ich danach sofort mit der Endlesung anfangen.
Nur mein Körper sah das anders.
Am Nachmittag saß ich irgendwann auf dem Bett, hielt mir die Hand vor die Augen und merkte erst, wie lichtempfindlich und fertig ich eigentlich war.
Mein Kopf dachte:
Du musst lesen.
Mein Körper dachte:
Auf gar keinen Fall.
Das ist vermutlich überhaupt mein Thema auf diesen letzten Metern.
Ich kann meine Kräfte nicht beliebig hochdrehen, nur weil mein Zeitplan das gerne hätte.
ISBN, Klappentext und all die unsichtbaren Dinge
Statt weiterzulesen, meldete ich Wolkenstein schließlich bei der Buchschmiede an.
Und plötzlich stand da:
Ansgar von Briant – Wolkenstein
Reihe: Die Chroniken von Eloan.
Genre.
Stichwörter.
Klappentext.
ISBN.
Bei der Genre-Kategorie »Science Fiction, Fantasy und Horror« musste ich kurz schlucken.
Horror?
Ich?
Mit Stichworten wie mittelalterliche Welt, Ritter, Abenteuer, Intrigen und Freundschaft ließ sich das zum Glück etwas genauer einordnen.
Dann kam der Klappentext.
Und natürlich konnte ich an dieser Stelle nicht einfach speichern und später weitermachen.
Nein.
Also noch schnell einen Klappentext überarbeiten.
»Schnell.«
Hahaha.
Am Ende stand aber eine Version, mit der ich leben konnte.
Die ISBN kam ebenfalls erstaunlich schnell und wanderte direkt ins Impressum.
Dann speicherte ich eine neue Datei:
Gesamtfassung 17 – Lesefassung.
Damit war die Regel klar:
Ab jetzt nur noch lesen.
Keine neuen Szenen.
Keine großen Umbauten.
Und wilden Formatierungsexperimente lasse ich jetzt sowieso.
Nur noch Fehler finden.
Und irgendwann dachte ich:
Kein Mensch wird später sehen, wie viel Arbeit in diesem Buch steckt.
Niemand sieht die verrutschte Zeile.
Niemand sieht die ISBN, die noch ins Impressum musste.
Oder die Stockbildangabe, das Personenregister, die Kommata, den Abstand zur Seitenzahl oder die fünfzig kleinen Entscheidungen der letzten Tage.
Man sieht am Ende einfach ein Buch.
Aber vielleicht ist genau das ja der Punkt.
Lagerfeuer statt Manuskript
Am Mittwochabend war Rangersitzung.
Eigentlich war ich völlig platt und hatte nicht besonders viel Lust, noch einmal loszufahren.
Aber ich wusste auch:
Die Menschen dort tun mir gut.
Und genauso war es.
Wir saßen draußen am Feuer, redeten, planten und dachten über die nächste Zeit nach.
Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr mir diese Menschen inzwischen ans Herz gewachsen sind.
Gleichzeitig verändert sich gerade einiges. Einige Mitarbeitende haben kaum noch Zeit oder Kraft. Einer der jungen Männer, den ich sehr mag und auf den ich mich bei den Rangern immer freue, wird nächstes Jahr zum zweiten Mal Vater und weiß nicht, wie viel Kapazität ihm noch bleibt.
Das traf mich mehr, als ich erwartet hatte.
Und vielleicht gerade deshalb wurde mir an diesem Abend etwas klar:
Ich möchte bleiben.
Wenn es irgendwie geht, möchte ich den Freitagabend für die Ranger freihalten.
Das wird bedeuten, dass ich an anderer Stelle Abstriche machen muss. Aber die Ranger liegen mir auf dem Herzen.
Ich muss ja nicht mehr mit jedem Kind durch jeden Wald rennen.
Es gibt Dinge, die ich gut kann.
Zum Beispiel die Andachten.
Dafür werde ich vermutlich wieder hauptsächlich zuständig sein.
Und ehrlich gesagt:
Das ist ziemlich genau mein Ding.
Kurz nach Mitternacht stand ich noch mit unserer Leiterin am Feuer.
Und damit hatte ich ganz nebenbei in meinen Geburtstag hineingefeiert.
Nicht mit Sekt, Torte und Konfetti.
Sondern mit Rauchgeruch in den Haaren, einem vollen Herzen und ziemlich vielen Gedanken über Verantwortung, Gemeinde und Menschen, die mir wichtig geworden sind.
Passt irgendwie.
Leider meldete sich auf dem Heimweg mein Zahn wieder sehr deutlich.
Auch das passte irgendwie weniger schön.
53
Donnerstagmorgen.
Geburtstag.
53
Ich hätte auch noch ein bisschen 52 bleiben können. 52 fand ich eigentlich ein gutes Alter.
53 klingt schon wieder verdächtig nach Richtung 60.
Und vor der 60 habe ich durchaus Respekt.
Aber vermutlich fühlt sich 60 irgendwann genauso an wie jedes andere Alter: Wenn man dort angekommen ist, ist man eben dort.
Mein Geburtstag begann jedenfalls nicht mit Ausschlafen, Blumenstrauß und gemütlichem Frühstück.
Sondern mit einem Zahnarzttermin um 8.40 Uhr.
Natürlich.
Vorher musste ich noch meinen Mann zur Arbeit fahren, danach blieb gerade genug Zeit für Frühstück und erneutes Zähneputzen.
Auf die Plätze, fertig …
Ich kann nicht.
Doch.
Ich kann.
Und dann ging es los.
Immerhin hatte dieser Geburtstag etwas ganz Besonderes im Gepäck:
Am Tag vorher war mein Buch fertig geworden.
Band 2.
Nach über zwei Jahren Arbeit.
Das war schon ein ziemlich schönes Geburtstagsgeschenk.
Warnsirenen und Pfirsichjoghurt
Nach dem Zahnarzt wollte ich endlich mit der großen Endlesung anfangen.
Schreibtisch.
Manuskript.
Konzentriert lesen.
Nicht verschönern. Nicht wieder alles umbauen. Nur Fehler suchen.
Und genau in dem Moment begann der bundesweite Warntag.
Sirene draußen.
Alarm auf dem Handy.
Alarm am Computer.
Herzlichen Glückwunsch.
Natürlich wusste ich sofort, dass keine Gefahr bestand.
Mein Körper wusste es nur leider noch nicht.
Der Puls war oben, ich stand ziemlich neben mir und hatte für eine Weile das unangenehme Gefühl, gleich könne der nächste Alarm losgehen.
Also erst einmal herumlaufen, etwas trinken.
Und dabei feststellen, dass mein Pfirsichjoghurt auf dem Heimweg einen Detsch abbekommen hatte.
Nun ja.
Dann wird eben der Pfirsichjoghurt zuerst gegessen.
Irgendwie passte er zu meinem Zustand.
Nicht nur der Joghurt hatte einen Detsch.
Ich auch.
Ich wollte trotzdem unbedingt anfangen zu lesen.
Setzte mich hin.
Und stellte fest:
Meine Augen fielen zu.
Damit war die Sache entschieden.
Ich ging schlafen.
Kleine schimmernde Momente
Und das war gut so.
Ich schlief am Nachmittag tatsächlich anderthalb Stunden oder sogar etwas länger. Danach war ich immer noch etwas verorgelt, aber deutlich besser dran.
Und dann kamen ein paar richtig schöne Dinge.
Eine Bekannte rief an, mit der ich vor Jahren einen Schreibkurs gemacht habe und bei der ich im Februar im Rathaus-Café lesen durfte.
Meine Tochter und mein Sohn meldeten sich gemeinsam aus Husum.
Später rief auch noch meine Patentante an.
Ich habe mich über diese Anrufe wirklich sehr gefreut.
Manchmal sind das genau diese kleinen schimmernden Momente eines Tages, die bleiben.
Am Abend waren mein Mann und ich mit einem befreundeten Ehepaar essen. Die beiden haben ausgerechnet an meinem Geburtstag Hochzeitstag, und weil wir uns zu viert sehr mögen, feiern wir manchmal einfach gemeinsam.
Und ganz ehrlich:
Ich habe mich fast mehr auf die Menschen gefreut als auf das Essen.
Auf dem Weg dorthin landete ich im Stau und bekam nebenbei noch eine kleine Geschichtsstunde über Lörrach und Schopfheim.
Dabei stellte ich unter anderem fest, dass Brombach und Hauingen tatsächlich erst 1975 nach Lörrach eingemeindet wurden.
1975!
Das ist gerade einmal gut fünfzig Jahre her.
Ungefähr meine Lebenszeit.
Und plötzlich verstand ich besser, warum sich manche Stadtteile bis heute so sehr wie eigene Orte anfühlen.
Sie waren es schließlich sehr lange.
Ich finde solche historischen Wendepunkte faszinierend.
Eine Burg wird zerstört – und plötzlich verändern sich Verwaltung, Handel und die Bedeutung ganzer Orte.
Fast wie in einem Roman.
Freitag: weiterlesen, reden, ausklingen lassen
Gestern ging es dann tatsächlich mit der Endlesung weiter.
Nicht komplett, aber immerhin bis Seite 160.
Und ich glaube, genau so muss ich diesen letzten Korrekturlauf inzwischen sehen: nicht als einen gigantischen Block von fast 400 Seiten, sondern Seite für Seite. Fehler finden. Korrigieren. Weiter.
Nebenbei habe ich schon angefangen, diesen Samstagsplausch vorzubereiten.
Außerdem hatte ich zwei richtig schöne Telefonate mit lieben Menschen. Eines davon wurde ziemlich lang, und ich durfte ausführlich erzählen, wie es mir geht und was gerade mit dem Buch passiert.
Auch das tat gut.
Nach all den Tagen, in denen Wolkenstein gefühlt mein komplettes Denken besetzt hat, war es schön, nicht nur am Manuskript zu sitzen, sondern darüber zu reden. Mit Menschen, die nachfragen. Die sich mitfreuen. Die zuhören.
Am Ende des Tages stand der letzte Korrekturlauf also bei Seite 160.
Nicht fertig.
Aber ein gutes Stück weiter.
Und für Freitag reichte das.
Ganz so, wie ich mir den Abend vielleicht gewünscht hätte, wurde er allerdings nicht. Mein Mann war mit einem Freund unterwegs, um Sterne zu fotografieren.
Ich gönne ihm das.
Und gleichzeitig fand ich es ein bisschen schade.
Nach so einer vollen Woche, nach Geburtstag, Zahnarzt, Rangerabend, Buchabschluss, Formatierungschaos und all den kleinen Entscheidungen hätte ich ihn einfach gern da gehabt.
Manchmal können zwei Dinge gleichzeitig wahr sein.
Man kann jemandem einen schönen Abend wünschen und ihn trotzdem vermissen.
Also wurde es bei mir eben ein stillerer Freitagabend.
Vielleicht war das nach dieser Woche sogar nötig.
Und sonst?
Ach ja.
Hugh Jackman spielt Robin Hood.
Wie konnte ich das bitte nicht wissen?
In The Death of Robin Hood spielt er einen älteren, verletzten Robin Hood, der auf sein Leben zurückblickt.
Düster.
Rau.
Melancholisch.
Meine erste Reaktion:
Ohhhh.
Meine zweite:
Warum habe ich den Kinostart verpasst?
Hier in der Gegend läuft er offenbar nicht mehr. Sehr unverschämt.
Vielleicht taucht er ja irgendwo noch einmal auf.
Und falls nicht, muss ich eben warten.
Ich habe schließlich gerade gelernt, dass manches auch dann nicht wegläuft, wenn man nicht sofort hinterherspringt.
Das gilt ganz sicher für Filme.
Für Geschichten.
Für Bücher.
Und manchmal sogar für die eigene To-do-Liste.
Diese Woche war voll.
Voll mit Formatierungschaos, Müdigkeit, Zahnschmerzen, Geburtstag, Gemeinde, Rangern, Kindern in der Ferne, einem kaputten Pfirsichjoghurt und einer neuen Geschichte, die ungefragt an meine Tür geklopft hat.
Aber vor allem war sie die Woche, in der ich nach über zwei Jahren sagen konnte:
Wolkenstein ist fertig.
Noch nicht gedruckt.
Noch nicht hochgeladen.
Und noch nicht in meinen Händen.
Aber fertig.
Und für diese Woche reicht das völlig.
Dir wünsche ich nun eine gute Woche. Sei gesegnet und bleib behütet.






