Tee, Türme und tausend Gedanken

Diese Woche fühlt sich rückblickend an, als hätten gleichzeitig zehn verschiedene Leben stattgefunden. Krankenhausfahrten und Konferenz. Manuskriptchaos und Lesungsvorbereitung. Müdigkeit, Hoffnung, Zweifel, Begegnungen, Tee, Türme, Mittelalter und irgendwo dazwischen ein geklauter Hausschuh.
Und ehrlich? Ich bin ziemlich müde.
Aber auch dankbar.
WIe immer verlike ich diesen Beitrag mit dem Blog von Karminrot und ihrem Karminroten Lesezimmer. Auch wenn mein Beitrag heute erst verspätet online geht. Gestern und vorgestern war einfach keine Zeit gewesen, diesen Samstagsplausch zu verfassen. Aber ich hoffe, ihr habt auch jetzt noch Lust zu lesen, was diese Woche alles passiert ist.
Spontan 500 Kilometer Richtung Nordhessen
Eigentlich begann alles mit einer Entscheidung am Samstagabend: Mein Mann und ich beschlossen spontan, am nächsten Morgen zu meiner Mama nach Nordhessen zu fahren. SIe war gestürzt und lag im Krankenhaus und es ließ mir einfach keine Ruhe. Kurz darauf stand ich noch schnell in Steinen im Supermarkt – und statt eines ruhigen Einkaufs traf mich kurz vor 23 Uhr völliges Chaos. Jugendgruppen, volle Parkplätze, unglaublicher Trubel. Und mitten darin ich, mit Snacks für unterwegs, neuen Kompressionsstrümpfen als Experiment für die lange Autofahrt und einem Herzen, das längst viel voller war, als ich mir eingestehen wollte.
Die Fahrt selbst zog sich. Stau rund um Frankfurt, viele Gedanken und diese leise Angst im Hintergrund: WIe geht es meiner Mama? Was, wenn sie mich nicht mehr erkennt?
Im Krankenhaus in Rotenburg war vieles schwer. Mama war anfangs sehr verwirrt, erzählte Dinge, die nicht der Realität entsprachen und erkannte meinen Mann offenbar nicht richtig, denn sie hat ihn gesiezt. Ob sie mich wirklich erkannt hat, weiß ich bis heute nicht sicher. Inzwischen wissen wir, dass sie sich das Becken an zwei Stellen gebrochen hat – ein instabiler Bruch.
Und trotzdem gab es auch gute Momente.
An einem Tag war sie plötzlich viel wacher. Wir konnten normaler reden, ich konnte ihr von unseren Kindern erzählen und wir haben sogar zusammen gebetet. Außerdem weiß ich: Im Moment ist sie gut versorgt.
Und vielleicht ist Liebe manchmal genau das: Nicht unrealistisch auf vollständige WIederherstellung zu hoffen. Aber auch nicht kalt zu werden. Sondern sich Frieden, möglichst wenig Schmerzen und gute Momente für einen Menschen zu wünschen.
Fachwerk, Müdigkeit und ein Haus von 1516
Zwischen Krankenhausbesuchen waren wir in Spangenberg unterwegs. Fachwerkhäuser, kleine Gassen, bröckelnde Mauern. Irgendwie schön und melancholisch gleichzeitig.






Unsere Unterkunft lag mitten im Ort – ein uraltes Haus von 1516. Bis wir endlich hinein konnten, war mein Nervensystem allerdings schon komplett überreizt: warten, unklare Ansagen, Lärm auf dem Marktplatz, Müdigkeit ohne Ende.
Aber irgendwann lag ich einfach auf dem Bett, Schuhe aus, Pause.
Und dieses „endlich angekommen“ fühlte sich plötzlich nach etwas richtig Großem an.
Konferenz, Berufung und viele Gespräche
Kaum wieder zuhause, ging es direkt weiter mit der KFI-Europe-Konferenz, die in unserer Gemeinde stattfand. Viel Input. Viele Gespräche. Viel Englisch und Deutsch durcheinander. Viel zu wenig Schlaf.
Und gleichzeitig auch viele inspirierende Momente.
Besonders bewegt hat mich ein prophetisches Wort von John Hellmuth für mich persönlich. Sinngemäß ging es darum, dass Gott mitten in Kämpfen Frieden ausgießt, Festungen einreißt und Berufung freisetzt. Dass Autorität zum Reden und zum Weitergeben des Evangeliums da ist.
Das hat etwas in mir berührt.
Außerdem blieb mir ein Gedanke aus einem Vortrag hängen, der sich auf Elia und seinen Diener bezog – auf dieses Ausschauhalten nach den ersten kleinen Anzeichen von Regen.
Die Frage daraus war:
Welche Menschen brauchen wir eigentlich in unserem Unterstützerteam?
Menschen,
- die Potential erkennen,
- die ermutigen,
- die zuverlässig bleiben,
- die eigene Schwächen ausgleichen können,
- die sich über kleine Anfänge freuen
- und die helfen, neue Lebensphasen aufzuschließen.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das nicht nur für Gemeinden gilt. Sondern auch für Schreiben, Kreativität und Berufung allgemein.
Manuskriptchaos und die Sache mit dem Floß
Natürlich wurde auch geschrieben. Oder besser gesagt: gerungen.
Diese Woche habe ich mich wieder tief durchs Manuskript gearbeitet, Szenen umgebaut, Übergänge gesucht und zwischendurch fast den Verstand verloren, weil plötzlich das Gefühl da war: „Hier fehlt doch etwas!“
Und tatsächlich – irgendwo zwischen Flüssen, Flößen und dem Weg nach Keon war mir offenbar eine komplette Szene verloren gegangen. Nach längerem Suchen fand ich sie schließlich in einer alten Version wieder. Ehrlich gesagt fühlte sich das an wie ein verlorenes Puzzlestück.
Besonders intensiv waren die Walter- und Wolfhard-Szenen. Psychologische Spannung, Manipulation, Angst und das langsame Zerbrechen eines Menschen schreiben sich nicht leicht.
Und daneben diese herrlich absurden Fantasy-Probleme:
Gibt es Brücken?
Warum ein Floß?
Wie kontrolliert Walter sein Land?
Wo stehen Wachposten?
Fantasyautorin sein bedeutet manchmal offenbar auch, unfreiwillig Infrastrukturministerin eines erfundenen Königreichs zu werden.
Lesungsvorbereitung: Kürzen tut weh
Fast noch anstrengender als das Schreiben selbst war diese Woche allerdings das Kürzen der Lesungstexte.
Ich habe stundenlang an drei Szenen gearbeitet:
- Sophia im winterlichen Garten von Briant
- Katharina auf der Flucht entlang der Klippen
- Hanna, das Straßenmädchen in der besetzten Burg
Und plötzlich wurde mir klar:
Eine Lesung funktioniert völlig anders als ein Roman.
Im Buch dürfen Szenen langsam atmen. Beim Vorlesen merkt man gnadenlos, welche Bilder wirklich tragen – und wo man eher erklärt als erzählt.
Teilweise hatte ich das Gefühl, meine Texte regelrecht kaputtzukürzen.
Und gleichzeitig wurden manche Szenen dadurch plötzlich stärker.
Vielleicht bedeutet Kürzen manchmal gar nicht Verlust. Vielleicht bedeutet es einfach, dem eigentlichen Herzschlag einer Szene mehr Raum zu geben.
Zwischen Hoffnung und Versandchaos
Parallel dazu lief das große Buchchaos.
Erst hieß es: Die Bücher kommen zu spät.
Dann plötzlich wieder Hoffnung.
Oder doch nicht?
Dann neue Hoffnung.
Dann wieder Enttäuschung.
Dieses ständige „Vielleicht schaffen sie es doch noch“ war emotional fast schlimmer als ein klares Nein von Anfang an.
Also begann ich schließlich Vorbestellungslisten vorzubereiten und über Versandkosten, Schwertanhänger und Unterstützungsaktionen für Band 2 nachzudenken.
Denn wenn man pro Buch nur wenige Euro verdient, wird selbst Porto plötzlich zu einer echten Frage.
Die Lesung im Kirchbühl
Und dann kam dieser Samstag.
Nach viel zu wenig Schlaf, Kopfweh und dem Gefühl, eigentlich überhaupt nicht lesungsfähig zu sein, wurde daraus plötzlich einer dieser Nachmittage, die man wahrscheinlich lange nicht vergisst.
Die Lesung fand im Kirchbühl in Schönau statt – in einem kleinen, wunderschönen Hotel mit unglaublich liebevoll vorbereiteten Tischen, Blumen, Kerzen und Etageren voller Köstlichkeiten.
Etwa 26 Gäste waren da. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer und diesmal sogar mehrere Mädchen zwischen 9 und 11 Jahren.
Die ganze Atmosphäre war einfach besonders.
Unten auf den Etageren gab es englische Sandwiches – unter anderem mit Gurke und Feta, Cranberry und Hühnchen oder Lachs und Creme. Dazu trank ich Assamtee mit Milch.
Dann folgte die erste Lesung mit Sophia im Garten.
Später kamen weißer Tee mit Rosenblättern, Katharinas Flucht, Gespräche und Fragerunden. Ganz oben schließlich Desserts, Früchtetee und Hannas Geschichte aus der Burg von Keon.
Zwischendurch entstanden immer wieder Gespräche an den Tischen. Menschen hörten aufmerksam zu, stellten Fragen, nahmen Flyer mit und interessierten sich ehrlich für meine Geschichten.
Besonders hängen geblieben ist mir ein Mädchen, das einen meiner Schwertanhänger mit ihrem Taschengeld kaufen wollte. Wir handelten gemeinsam einen „Taschengeldpreis“ aus, weil sie ganz ehrlich sagte, dass sie gar nicht einschätzen könne, was so etwas wert sei.
Solche Momente bleiben.
Und tatsächlich wurden deutlich mehr Bücher verkauft als bei meiner ersten Lesung dort. Sogar ein Hardcover wurde bestellt.
Langsam beginne ich zu glauben, dass ich tatsächlich lerne, wie Lesungen funktionieren.
An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich bei Oksana Neitzke und ihrem Team bedanken. Dieser Nachmittag war nicht einfach nur organisiert, sondern mit unglaublich viel Liebe gestaltet. Der Rahmen, das Essen, die Atmosphäre, die Freundlichkeit – all das hat dazu beigetragen, dass sich dieser Nachmittag wie ein kleines Wunder angefühlt hat. 💛
Und sonst so?
Außerdem gab es:
- WMDEDGT,
- Zoommeetings,
- Schreibkurs mit Fokus auf Dialoge,
- Apfelwaie morgens um halb fünf,
- drei neue Schwertanhänger,
- eine Schreibschnuppe über Frieden, eine Elster und einen geklauten Hausschuh,
- und viele Gedanken über Würde, Rollenbilder, Hoffnung und Glauben.
Diese Woche war voll.
Aber vielleicht nicht nur im negativen Sinn.
Eher so, als hätte das Leben gleichzeitig an vielen Türen geklopft.
Ich wünsche dir eine wunderbare, neue Woche, mit vielen, offenen Türen, Türmen für die Aussicht und neuen Ideen und Gedanken. Sei gesegnet.




