Auf dem Weg zum Roman

Monat: Juni 2021

Roman-Tagebuch Teil 17

Neue Szenen und Beschreibungen

Es geht vorwärts. Endlich wieder. Das habe ich ja schon berichtet!

In der letzten Woche sind zwei Szenen entstanden, wo vorher nur ein knapper Satz darauf hindeutete, dass dort noch etwas fehlte, mehr als 2500 Worte wurden neu geschrieben und noch mehr Text verbessert. Ich habe mir die Zeit genommen, mich mit Beschreibungen auseinanderzusetzen und Worte zu finden, die den Leser mit hinein nehmen in die Hauptstadt meines Landes. Außerdem habe ich meine Hauptfigur in einen Badezuber steigen lassen… auch hier war es entscheidend, Atmosphäre zu kreieren, zu beschreiben…warum das wichtig ist, liest du vielleicht irgendwann in meinem Roman. 

Erstaunlicherweise waren es zwei eher „langweilige“ Szenen, die mich wieder hineingezogen haben in die Geschichte. Da passiert keine Action, es ist nichts, was die Geschichte voran treibt, keine tiefschürfenden Erkenntnisse oder Gefühle werden gewälzt, niemand kämpft oder stirbt, leidet oder siegt…. Es geht keinen Schritt voran… niemand trifft weitreichende Entscheidungen oder verliert sich in Trauer, Wut oder maßloser Eifersucht. Was macht diese Szenen dennoch so besonders, dass sie einen solchen Sog auf mich ausgeübt haben, dass ich mir jetzt gut vorstellen kann, voran zu schreiben? Wieso faszienieren sie mich so, begeistern mich geradezu?

Weil sie Atmosphäre schaffen. Weil sie meine Welt lebendig gemacht haben. Weil ich plötzlich ganz nah bei meiner Figur war. Weil ich gesehen, gehört und gerochen habe, wie es dort aussieht, wo ich meinen Helden hingeschickt habe. Ich habe dort mit ihm gestanden. Auf die Stadt geblickt. Gefühlt und erlebt wie es in den Straßen dieser Hauptstadt zugeht …seine Perspektive eingenommen. Und damit bin ich ihm nah gekommen, konnte ihn verstehen, seine Beweggründe, seine Gedanken  … 

Und ich habe gemerkt, wie lieb ich diesen Charakter gewonnen habe, wie wichtig er mir ist … und wie sehr ich mit ihm mitleide …

Zum Thema Beschreibungen habe ich noch einen Extra-Artikel verlasst, den du hier lesen kannst: https://kreative-schreiberei.de/wie-schreibt-man-gute-beschreibungen/

Ansonsten kann ich noch berichten, dass ich schon wieder auf Namenssuche war. Namen sind wichtig, das habe ich schon an anderer Stelle gesagt (den Artikel findest du hier). Sie müssen passen: Zur Figur, zu ihrer Rolle, zur Geschichte, aber auch zueinander. Jetzt hat jemand festgestellt, dass eine Figur so ähnlich heißt, wie die in meiner Herrscherfamilie gängigen Namen. Und dass das erstens verwirrend und zweitens unpassend ist. Man kann ihn dann schlecht vom König unterscheiden, es könnte sogar zu Verwechslungen kommen und es setzt die „Einmaligkeit“ der Herrschernamen herab, bzw. stört die Zusammengehörigkeit innerhalb der Dynastie, wenn ein Außenstehender den gleichen Wortstamm im Namen hat.

Also musste ein neuer Name her! Eine Schwierigkeit, wenn man schon hundert Seiten verfasst und sich an den Namen gewöhnt hat. Für mich prägen Namen das Bild der Person, deshalb sind sie so wichtig, und es ist schwer, sie zu ersetzen.

Ich hab also wieder Namensgeneratoren und Vornamenlisten gewälzt.  Diesmal wurde ich hier fündig: https://www.familienbande24.de/vornamen/laender/altdeutsche,vornamen/jungs_index.html

Von etwa 8 Namen, die überhaupt in Frage kamen, habe ich das ganze auf 3 Namen zusammengedampft. Und dann habe ich es im Text ausprobiert. Wie sieht das Schriftbild aus? Wie klingt es? Ist der Name hart genug für einen Mittelklassebösewicht? Kann man ihn gut rufen? Passt er zu meiner Vorstellung der Figur? Ist die Bedeutung angemessen?

Ein Name hat sich herauskristallisiert. Und nun muss ich den im ganzen Text suchen und ersetzen. Seufz. Eine elende Arbeit. Trotz der „Suchen-und-ersetzen-Funktion“ des Programms eine lästige Sache.

Ihr wüsstet nun gern, welchen ich ausgesucht habe? 

Staatsgeheimnis! Das verrate ich nicht… Beinahe hätte ich eine Abstimmung gemacht, um eure Meinung zu hören. Aber ganz ehrlich: Bei Namen bin ich zu eigen, der muss für mich passen, da kann ich keine Wahl veranstalten! 

Und außerdem soll es ein Geheimnis bleiben, bis das Buch hoffentlich erscheint. Irgendwie habe ich da Angst, mir könnte jemand den Namen klauen… das ist sicher albern, aber irgendeinen Tick muss ich als Autor ja haben!! *Zwinker*

Für heute habe ich nicht mehr zu berichten. Ich wünsche allen eine gute Woche und freue mich über Eure Kommentare.

Wie schreibt man gute Beschreibungen?

Wozu überhaupt Beschreibungen?

Beschreibungen schaffen Atmosphäre. Sie sorgen dafür, dass man hineinschlüpfen kann in Situationen, dass man sich Szenen bildlich vorstellen kann, dass man der Hauptfigur nahe kommen, sie sehen kann.  Um den berühmten Film im Kopf anzustoßen, braucht es Beschreibungen. Ein Autor malt Bilder mit Worten, lässt fremde Welten entstehen, entführt uns in seine Fantasie. Ohne Beschreibungen bliebe ein Roman kalt und nackt. Hohl. Tot. Unansehnlich. 

Beschreibungen sind das Salz in der Suppe. Damit man schmecken und riechen kann, wie es ist, dort zu sein, wo der Roman spielt. Sinnesempfindungen können unseren Vorstellungen auf die Beine helfen. Was sieht die Hauptfigur? Was hört sie? Was riecht sie? Was schmeckt sie? Was für Empfindungen streifen ihre Haut? Und zu guterletzt kann man auch Gefühle beschreiben: Trauer, Wut, Freude!

Ich sehe was, was du nicht siehst! Was kann man alles sehen?

Die Sache mit dem Sehen fällt mir meistens noch leicht. Ich bin ein Augenmensch! Visuelles ist mir nah. Also beschreibe ich, was vor Augen ist. Wie sieht es dort aus, welche Gegenstände sind im Raum, welche Personen? Welche Kleidung, Frisuren tragen sie? Welche Farben herrschen vor? Gibt es etwas, woran das Auge hängen bleibt? Was dominiert die Szene? Auch Details sind wichtig. Ist das Holz des Tisches blank gescheuert?  Oder ist es frisch lackiert? Oder gelaugt und geölt? Stehen Blumen auf dem Tisch oder steht dreckiges Geschirr herum? 

Ohren auf! Was kannst du hören?

Tja das ist schon schwieriger, Welche Geräusche bilden den Soundtrack zu meiner Szene? Da muss ich mich immer erinnern, dass auch dass dazu gehört, um einen Film im Kopf zu produzieren. Lautlos ist es selten. Da zwitschern Vögel, man hört vielleicht Autos oder das Knirschen von Sand und Kies unter Stiefeltritten, jemand ruft, Kindern spielen und Streiten lauthals, Pferdehufe stampfen und das Tier schnaubt oder, oder, oder… Manchmal sind es nur leise Töne. Sie  in der Beschreibung zu vergessen oder zu vernachlässigen, beraubt uns aber einer ganz wesentlichen Erfahrung. Immerhin ist es ja so, dass wir selbst im Schlaf das Hören nicht abstellen können und manche wachen vom kleinsten Geräusch auf.

Nase zu! Wonach riecht es hier?

Oh weia, da bin ich richtig schlecht. Zum Glück habe ich eine Freundin, der das sehr wichtig ist und die mich daran erinnert, dass Szenen einen eigenen Geruch haben können. Dass Gerüche auch Erinnerungen wecken können an Vergangenes, an Kindheit, Vertrautheit, Liebe. Duftet es nach Rosen oder Lavendel, stinkt der Müllhaufen zum Himmel? Oder liegt ein feiner Weihnachtduft nach Zimt und gebratenen Äpfeln in der Luft? Gerüche zu beschreiben fordert Feingefühl, es gibt soviele Nuancen, Abstufungen und manchmal ist es richtig schwer, herauszufinden, wie etwas duftet. So habe ich erst gestern ein Gespräch mit einer Autorin gehabt, die sich gefragt hat, wonach Tomaten riechen. Bei der Recherche kam heraus, eigentlich duftet hauptsächlich der grüne Stielansatz oder natürlich duftet es, wenn man sie zermanscht, aber die heile Tomate ohne Grünzeug dran hat fast keinen Eigengeruch… wozu solche Überlegungen gut sind? Damit Beschreibungen stimmig werden und wir nicht die Nase rümpfen und sagen, das kann man doch gar nicht riechen.

Kannst du schmecken, wie wunderbar lecker es ist?

Ähnlich wie riechen kommt dieser Sinn bei Beschreibungen manchmal zu kurz. Ich finde es dennoch enorm wichtig und zwar nicht nur, wenn die erzählende Person gerade ein Brötchen isst. Manchmal beißt man sich auf die Zunge und schmeckt Blut, wenn man aufwacht, hat man oftmal einen unangenehmen Geschmack im Mund, wie kann man den bloß beschreiben? Oder die Zahnpasta gibt uns mit ihrem Minzgeschmack einen Frischekick, manchmal kann sogar der Staub in einer alten Bibliothek einen schalen Geschmack im Mund erzeugen… 

Was fühlst du, wenn ich dich berühre?

Die Haut ist ein empfindliches Sinnesorgan und auch sie gibt uns wesentliche Hinweise, wie der Ort beschaffen ist, an dem wir uns befinden. Der Tisch von vorhin, ist er glatt poliert oder rissig, spröde, kann man sich Holzspriesen in den Finger ziehen, wenn man darüber streicht? Lässt Kälte eine Gänsehaut entstehen? Oder schwitze ich, dass es mir den Schweiß aus allen Poren drückt? Ist mein Sitzplatz weich gepolstert oder harter Stein? Kann ich mich stechen, wenn ich die Hecke schneide oder sind die Blätter samtig weich? Eine sanfte Berührung kann ich ebenso fühlen, wie den Wind auf meinem Gesicht oder die angenehme Wärme einer Frühlingssonne! Das spüren über die Haut gibt weitere wesentliche Anhaltspunkte, wie es meinem Protagonisten geht, wie er sich fühlt. 

Und was ist mit Gefühlen?

Auch Gefühle kann man beschreiben. Für meine Geschichten ist das immer sehr wichtig. Ich mag erzählen, wie ein Charakter durch innere Kämpfe und Gefühle wächst, wie er sich verändert, ein „neuer“ Mensch wird. Dazu braucht es natürlich Gefühle und Gedanken, die man auch beschreiben kann. Ist es Trauer, Wut, Freude, die er empfindet, wie fühlt sich das in seinem Inneren an? Welche Farben hat das Gefühl? Welchen Geschmack hinterlässt es? Und schon wieder bin ich bei den anderen Sinnesempfindungen, die mir Anhaltspunkte für innere Beschreibungen bieten.

Wieviel Beschreibung verträgt eine Geschichte? Oder was macht Beschreibungen so schwierig?

Nun, das Wieviel hängt von der Geschichte ab, von dem, was ich erzählen will. Zuviel ist genauso schädlich wie zu wenig.

Wenn es um die Entwicklung meiner Protagonisten geht, wenn  die Geschichte ihre Entwicklung nachzeichnet, brauche ich mehr Beschreibungen. Ich muss erklären, zeigen wie und warum sie sich entwickeln, was sie prägt und beeinflusst. 

Wenn eine Geschichte mehr handlungsorientiert ist, braucht es in geringerem Maße innere Monologe und Beschreibungen von Gefühlswelten, aber Beschreibungen von Schauplätzen haben dennoch ihren Platz. Ohne kommt fast keine Erzählung aus.

Beschreibungen brauchen Vorstellungskraft und Fantasie. Und Liebe zum Detail. Und den Mut sich zu fokussieren. Herauszufiltern, was ist wesentlich, was nicht. Beschreibe ich einen bekannten Ort, brauche ich weniger Worte, als wenn ich eine ganz neue Welt erschaffe und die Leser dorthinein entführen will. Egal ob Sciencefiction oder historischer Roman oder Fantasy-Abenteuer, Welten, die dem Leser unbekannt sind, brauchen ausführlichere Beschreibungen. 

Spielt die Geschichte dagegen in Berlin, Köln oder Hamburg zu unserer heutigen Zeit, kann ich mir Autos, Straßen und Häuser relativ leicht vorstellen und brauche nur die ganz spezifischen Details, selbst wenn ich noch nie in diesen Städten gewesen bin. Dagegen können die Flugobjekte in einem Scifi- Abenteuer sehr speziell sein. Ich muss sie beschreiben, damit der Leser sie vor sich sieht. Das heißt ein Autor muss wissen, was seine Leser wissen können, er muss sich hineinfühlen in seine Leserschaft, muss ein Gespür haben, was notwendige Informationen sind und was man auch weglassen kann, weil es eine Szene überfrachten würde.

Ich tendiere oft eher dazu, zu wenig zu beschreiben, weil in meinem Kopf sind die Bilder ja vorhanden, dabei vergesse ich, dass der Leser nicht automatisch in meinem Kopf ist, dass ich also mehr sagen muss, als ich für nötig halte.

Andererseits sind zu langatmige Beschreibungen langweilig und ermüdend und ich kenne sogar Leute, die dann einfach weiterblättern, weil es sie nicht interessiert. Da ich auf keinen Fall möchte, dass meine Leser meine Worte nicht lesen, muss ich mich also so kurz fassen wie möglich, aber auch so lang wie nötig. Und das ist die Kunst.

Und wie beschreibe ich jetzt?

In dem ich ein Bild male, zeige, was zu sehen, zu fühlen ist. Möglichst direkt und ohne sogenannte Filterwörter. Show, don’t tell. 

Filterwörter, was ist das nun wieder?

Bis vor Kurzem wusste ich auch noch nichts von der Existenz von Filterwörtern. Beziehungsweise, ich hatte den Begriff so noch nie gehört. Doch dann stieß ich auf zwei Artikel, die sich sehr gut damit befassen und umfassend erklären, worum es geht. (Die Links findest du am Ende meines Artikels)

Was genau sind Filterwörter und was machen sie? 

Filterwörter sind solche, die eine Distanz zu deiner Figur schaffen. Sehen, Schmecken, fühlen  und noch etliche andere fallen darunter. 

Aber du hast doch gerade oben gesagt, man soll beschreiben, was man sieht und hört und über Sinneseindrücke wahrnimmt? Ja. Aber nicht, in dem man diese Worte zu häufig im Text verwendet. Ab und zu kann man sie einstreuen, aber sehr dezent und an die jeweilige Situation angepasst. Besser ist es, die Dinge direkt zu sagen oder eben Handlungen und Reaktionen zu umschreiben. Welche Worte man eher meiden sollte und wie das aussehen kann, kannst du in den Artikeln nachlesen, die ich am Ende meines Blogposts verlinke.

Hier ein paar Beispiele. Ich markiere die Filterwörter kursiv.

Also statt: Er fühlte sich unwohl. Es schmeckte unangenehm nach Galle und er spürte Übelkeit aufsteigen. Hoffentlich musste er sich nicht übergeben.

Besser: Tom schnaufte. Gallebittere Spucke lief ihm im Mund zusammen. Er krümmte sich, eine Hand auf den Bauch gepresst. Schweiß brach ihm aus. Jetzt nur nicht übergeben!

Oder: Karina stand und sah die Straße entlang. Sie wartete auf den Schulbus. Jetzt konnte sie ihn schon hören, wie er laut rumpelnd und keuchend um die letzte Ecke bog. Sie freute sich auf die Schule, weil sie dann Tom begegnete. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Sie stieg in den Bus. „Darf ich mich neben dich setzen?“, fragte sie. Sie sah Tom nicken und rutschte neben ihn.

Stattdessen könnte es auch so aussehen: Karina trippelte unruhig auf und ab. Die Straße lag leer und verlassen. Immer noch nichts. Wann kam er endlich? Sie schnaufte. Wenig später bog der Schulbus rumpelnd und keuchend um die Ecke. Ihr Herz machte einen Satz. Dort saß Tom. Hitze stieg ihr in die Wangen und sie senkte schnell den Kopf. Für Augenblicke verengte sich ihre Kehle, dann fing sie sich und stieg in den Bus. „Darf ich mich neben dich setzen?“ Tom nickte und sie rutschte neben ihn.

Es geht also darum, die Erfahrungen unmittelbarer zu beschreiben. Mach es so nah wie möglich, es sei denn, du willst die Distanz zu deiner Figur. Die Art und Weise, wie du Filterworte verwendest, ändert die Perspektive. Guckst du deiner Hauptfigur als außenstehender Beobachter zu, wie sie etwas tut oder fühlt oder bist du so nah bei ihr, dass Ihre Empfindungen deine werden, Ihr Blick das ist, was du siehst?

Statt: Sie stand auf dem Hügel und sah den Adler am Himmel über sich.

Eher: Sie stand auf dem Hügel. Der Himmel spannte sich weit. Ein Adler zog dort seine Kreise.

Statt: Das Meer roch unangenehm modrig nach Algen und Fisch.

Lieber: Sie rümpfte die Nase. Vom Meer her stank es modrig nach Algen und Fisch. 

Statt: Sie mochte ihr Brötchen. Es schmeckte nach Käse und Tomaten

Besser: Mhh. Lecker. Käse und Tomaten auf Brötchen. Sie liebte es.

Statt: Kurt fühlte sich unsicher, als er auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch war.

Könnte man es so sagen: Kurt biss sich auf die Lippen. Die Aktentasche wurde immer schwerer und seine Knie weicher. Wenn er es doch nur schon hinter sich hätte, dieses vermaledeite Vorstellungsgespräch.

Statt: Lina hörte die Glocken der großen Kathedrale. Es war schon spät.

Heißt es dann: Die Glocke der Kathedrale dröhnte über den Marktplatz. Lina zuckte zusammen. Es war schon spät.

Ausführliche Artikel findest du hier: https://mynextself.com/filterwoerter/

und hier

Roman-Tagebuch Teil 16

Geht es mit dem Roman voran?

Wochenlang musste ich berichten, dass sich nichts, aber auch gar nichts an meinem Roman-Projekt getan hat! Einen ganzen Monat lang habe ich kein (oder fast kein) Wort zu meiner Geschichte hinzugefügt. Es lag brach. Wie ödes Land verwaist. Wie ein Schiff auf Sand gelaufen. Kein Fortschritt. Ebbe. Nada. Niente. Rien. 

Seit etwa anderthalb Wochen jedoch ist etwas im Gange. Ödes Land wird bewässert. Blumen sprießen. 

Die Flut kehrt zurück. Das Schiff wird flott gemacht.

Zuerst noch langsam, dann immer schneller und mächtiger kommt etwas ins Rollen und meine Gedanken sprießen wie die Blumen. Ein neuer Wind weht und bläht meine Segel…. Aufbruchsstimmung. Neue Hoffnung, wo ich schon dachte, ich könnte die ganze Sache beerdigen.

Was genau passiert da? Womit beschäftige ich mich?

Rein äußerlich sieht man (noch) nicht viel. Es sind keine neuen Kapitel entstanden, keine neue Line, kein neuer Handlungsstrang. Nichts Bahnbrechendes. Vor drei Tagen hätte ich gar noch sagen müssen, nicht ein Wort, eine Szene ist hinzugefügt oder verändert worden. Es sah immer noch nach Stillstand aus. Und dennoch bewegte sich schon da ein laues Lüftchen durch mein Denken.

Angeregt durch meinen Schreibkurs habe ich mich daran gemacht, Dinge zu erfinden, die meine Welt lebendiger machen sollen. Zu meiner Welt gehören nicht nur Länder, Berge und Ebenen, Flüsse und Seen, Städte und Burgen. In diesen Ländern gibt es Pflanzen und Tiere, Völker unterschiedlicher Art.  Und damit es anschaulich und spannend wird, braucht es neue Pflanzen, ungewöhnliche Tiere, Eigenheiten von Volksgruppen. Und deshalb erfinde ich welche. Ich erfinde Pflanzennamen. Heilpflanzen, Nutzpflanzen, Bäume, Gräser…Tiere sollen folgen. Kultur und Merkmale von Völkern.

Wie mache ich das?

Ich habe eine Seite, auf der man sich Pflanzennamen generieren lassen kann. Leider klingen die alle englisch. Erstaunlicherweise aber hört man, dass es Pflanzennamen und nicht Berg- oder Seenamen, Tier- oder Drachennamen sind. 

Was macht es aus, dass man diese Namen als Pflanzennamen erkennt? 

Das habe ich mich gefragt und festgestellt, dass es gewisse Endungen oder Zusätze sind, die diese Worte als Pflanzennamen kennzeichnen. Daraufhin habe ich ein deutsches Heilkräuterlexikon durchgeblättert und mir gängige Endungen und besondere Zusätze notiert. Diese habe ich dann wild und mit viel Phantasie kombiniert. Und voila es kamen sehr passable Pflanzennamen dabei heraus. Diesmal deutsche! Und ich bin gleichzeitig darüber gestolpert, wie vielfältig und wunderbar unsere Pflanzenwelt ist und welche merkwürdigen Kombinationen es tatsächlich gibt, obwohl ich dachte, ich hätte sie mir gerade ausgedacht…

Ich verrate hier nicht mehr… Wer wissen will, wie meine Pflanzen heißen, aussehen, riechen oder wirken, muss warten bis mein Buch fertig und veröffentlicht ist!

Über die Pflanzen kam ich ins Fabulieren. Zugleich wurde mir bewusst, dass meine Hauptperson in den ersten Kapiteln viel zu nett war. Seine Charakterbeschreibung, in der er einen gewissen Standesdünkel und eine Arroganz aufweist, passte nicht überein, mit dem, was ich geschrieben hatte. Er war zu freundlich zu anderen, die gesellschaftlich unter ihm standen. Zu umgänglich. Da war keine Entwicklungsspanne gegeben, nichts, was sich noch hätte zum Besseren wenden können. 

Und so entstand der Gedanke, dass ich das, was da steht, noch einmal überarbeiten müsse, ehe ich weiter voran schreibe. Außerdem musste sich etwas in den Dialogen ändern. Nicht nur die Arroganz des Helden, auch der niedere Stand anderer musste sich irgendwie wiederspiegeln. In ihrer Sprache. In ihren Worten, ihrem Dialekt. Also begann ich vor drei Tagen, meine Kapitel genau daraufhin zu überarbeiten. Arroganz und Überheblichkeit einzubauen in Worten und Gedanken, in Handlungen… und Dialekte zu verwenden, um die Herkunft meiner Personen deutlicher zu machen.

Gestern und heute ist aus dem Überarbeiten eine ganz neue Szene entstanden. Es geht voran. Wenn auch noch innerhalb dessen, was da schon stand, aber dennoch. Ich merke, wie Gedanken wieder fließen, wie neue Ideen sprudeln. Wie aus dem, was ich tue etwas Neues erwächst. Das Schiff nimmt wieder Fahrt auf. Und der Wind pustet kräftig.

Seit gestern nutze ich eine weitere Inspirations- und Motivationsquelle. Ich treffe mich mit anderen Autorinnen in einem Videochat, man bespricht kurz, was man plant und schreibt dann eine Zeit, um sich im Anschluss auszutauschen, wie es funktioniert hat. 

Das hilft ungemein, um fokussiert zu arbeiten.

Neues, altes Schreibprogramm!

Und noch etwas ist passiert. Ich habe – mal wieder – mein Schreibprogramm gewechselt. Dazu muss man wissen, ich habe sicher schon zwei Jahre Scrivener 3 für Mac genutzt und habe in diesem Jahr, kurz nachdem das Programm für Windows erschienen ist auch Scrivener 3 für Windows heruntergeladen. Ich mag Scrivener. Ich kann mich gut organisieren mit diesem Programm. Dennoch fehlt mir etwas. Und dieses Etwas glaubte ich in dem Konkurrenzprogramm Papyrus Author gefunden zu haben. Papyrus Author hat viele verlockende Funktionen. So hat es einen Dudenkorrektor. Und ist damit in Sachen Rechtschreibkorrektur sicher ungeschlagen. Außerdem bietet es eine Stil- und Lesbarkeitsanalyse und man kann Charakterkarten anlegen, die man direkt aus demText verlinken kann. Es gibt viele gute Gründe für Papyrus Author. Und ich habe sie alle ausprobiert und genossen… aber ein Problem habe ich mit dem Programm… ich bin dort nicht so organisiert wie in Scrivener. Die Struktur erschließt sich mir nicht so, es ist ein langer Fließtext, den ich zwar irgendwie mit Kapiteln und Szenenüberschriften zerlegen kann, aber irgendwie ist mir Scrivener da sympathischer. Und manches, was ich in Scrivener liebgewonnen hab, finde ich in Papyrus nicht wieder… entweder weil ich zu blöd bin, es zu finden oder weil es schlicht nicht vorhanden ist.

Die ersten Hundert Seiten habe ich begeistert in Papyrus geschrieben, aber als ich jetzt hängen geblieben bin und mir klar wurde, dass ich Dinge grundlegend überarbeiten muss, bin ich zu Scrivener zurück gekehrt. Habe alles von Hand übertragen und arbeite nun mit Scrivener 3 für Windows. In Scrivener habe ich jede Szene quasi in einem eigenen Dokument. Ich kann diese Dokumente leicht untereinander verschieben. Ich kann Schnappschüsse von einzelnen Dokumenten machen, diese dann bearbeiten, wieder einen Schnappschuss machen, wieder bearbeiten so oft ich will und diese Schnappschüsse dann miteinander vergleichen und mich für die Variante des Textes entscheiden, die mir am besten gefällt, ohne Angst haben zu müssen, dass mir die Idee aus dem ersten Schnappschuss abhanden kommt.

Das ist überarbeiten mit doppeltem Boden … ich kann jederzeit zu Variante 1, 2 oder 3 zurückspringen. Und zwar  für jede winzige Szene einzeln und unabhängig von den andere Sequenzen. Das gibt mir die Sicherheit, dass ich meinen Text auch nochmal ganz verwerfen und neu Schreiben kann, dass ich nicht nur einzelne Worte, sondern ganze Stimmungen ändern kann. Und wenn es mir nicht gefällt, drücke ich sozusagen den Resetknopf. Ohne das für das gesamte Dokument zu tun!

Wenn ich dann dahin komme, dass ich den Text mit Dudenkorrektor überarbeiten will, werde ich wohl zu Papyrus zurück kehren, aber bis dahin bin ich bei Scrivener gut aufgehoben.

Wer mehr über scrivener erfahren will, findet hier gute Informationen: https://www.knowhowlounge.de

Auf Youtube findet man auch ein verständliches Video von Gian dazu, wie man in Scrivener schreibt und in Papyrus korrigiert. 

Zusammenfassung: Was ich geschafft habe! 

  • Neue Pflanzennamen und ein funktionierendes System um beliebig viele weitere  Pflanzen zu erfinden.
  • Überarbeitung entscheidender Dialoge bezüglich Stimmung und Charaktereigenschaften
  • Einbau von Dialekt in meine Dialoge 
  • Meinen Protagonisten zu Beginn etwas unsympathischer zu machen
  • Eine neue Szene erfinden
  • Schwung gewinnen 
  • Motivation zum Weitermachen finden
  • Neue Ideen für neue Szenen entwickeln

Ich finde, das ist eine ganze Menge und mit Sicherheit ein Grund zu feiern. Jubel! Ich glaube jetzt daran, dass es weiter gehen kann und wird. Dass ich nicht heillos feststecke, sondern dass ich kreativ genug bin, neue Wege zu finden. Mein Roman wächst weiter. Lass dich überraschen, was ich beim nächsten Mal berichten kann!

Bis dahin, hinterlass mir doch deinen Kommentar. Ich bin neugierig auf deine Meinung.